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Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Rabe
Pergament

– 18. Fortsetzung –

»Das ist nett von dir. Aber ich mach mir tatsächlich Sorgen um dich. Der alte Mann wird doch sicherlich bemerkt haben, dass du und Krauta befreundet seid. Wenn er das den Wachen bisher nicht gesagt hat, wird er das sicherlich noch tun. Und dann bist du verloren. Vielleicht solltest du lieber mit mir kommen.«

»Er wird den Wachen aber nichts verraten.«

»Warum nicht?«

»Weil er Angst vor mir hat.«

»Wieso sollte er Angst vor dir haben?«

»Das ist jetzt wieder ein Geheimnis. Aber du kannst mir glauben, dass er seine Gründe hat. Berechtigte Gründe.«

»Naja, es geht mich ja wohl auch nichts an.«

Dann fiel ihm etwas ein. »Sag mal, woher hast du eigentlich gewusst, dass wir zu Marinda wollen? Das haben wir dir doch gar nicht erzählt.«

»Doch. Krauta hat es mir mitgeteilt.«

Bardo wusste genau, dass das nicht stimmte. Er war die ganze Zeit dabei gewesen, Krauta und Elina hatten keine Gelegenheit gehabt, sich auszutauschen, ohne dass er das mitbekommen hätte. Da war er sich ganz sicher, trotz der vielen Biere, die er getrunken hatte. Das bedeutete, dass Elina ihm nicht die Wahrheit sagte, worüber er im ersten Moment nur enttäuscht war, aber sich schon im nächsten Augenblick fürchterlich ärgerte. Was für ein Spiel wurde hier mit ihm gespielt, ohne dass er mitspielen durfte? Vielleicht spielte er aber doch mit, und zwar als Spielball. Ja, so würde es sein. Krauta und Elina benutzten ihn für ihre Zwecke, was auch immer das für Zwecke sein mochten. Aber konnte das wirklich sein? Er konnte sich das von Krauta einfach nicht vorstellen, auch wenn er sie noch nicht allzu lange kannte, ein paar Tage ja erst. Doch es kam ihm länger vor. Sie waren schon so vertraut miteinander, und außerdem hatten sie ja schon ein paar mal das Lager geteilt. Elina kannte er erst seit gestern, der konnte er noch nicht vertrauen können. Obwohl sie auf ihn ganz und gar nicht den Eindruck machte, als würde sie ihn auf irgendeine Art und Weise hintergehen wollen. Sie wirkte auf ihn eher wie eine rustikale ehrliche Haut, wenn auch sehr sanft und mollig. Und doch sagte sie ihm nicht die Wahrheit. Krauta hatte Elina ihr Ziel nicht verraten, davon war Bardo nach wie vor überzeugt. Nun musste er nur noch herausfinden, woher sie es dann wusste.

Während seiner Grübeleien hatte Elina die Becher und das Holzbrett wieder nach unten gebracht und kam mit einem Krug Blauwein und einem sauberen Becher zurück.

»Damit dir die Zeit nicht zu lang wird, während du auf den Abend wartest. Trink aber nicht wieder so hastig wie gestern. Es wäre nicht gut, wenn du dich besoffen auf den Weg machst. Ich muss dich jetzt für eine Weile allein lassen und mich um meine Gaststube kümmern. Nachher bringe ich dir noch mal was zu essen hoch. Und bleibe bitte in der Kammer und zeige dich nicht am Fenster.«

Und schon war sie aus der Tür. Bardo war sich nicht sicher, ob es überhaupt gut war, etwas von dem Blauwein zu trinken. Vielleicht sollte er lieber versuchen, ein wenig zu schlafen. Immerhin sah es ja wohl so aus, dass er die nächsten Tage tagsüber schlafen musste, um nachts hellwach zu sein, um sich ja nicht zu verlaufen und um Feinde rechtzeitig zu bemerken und ihnen aus dem Weg zu gehen, bevor er von ihnen entdeckt wurde. Er legte sich hin, schloss die Augen und stellte bald fest, dass er es nicht schaffen würde, einzuschlafen. Ihm schwirrten zu viele Gedanken durch den Kopf, wobei ihn am meisten die Frage beschäftigte, woher Elina wusste, dass sie auf dem Weg zu Marinda waren. Er stand wieder auf und setzte sich an den Tisch. Der Krug mit dem Blauwein wirkte schon verlockend. Wenn er nur einen kleinen Schluck trank, würde das nicht schaden, aber vielleicht konnte er dann besser einschlafen. Außerdem war er durstig, und etwas anderes zu trinken war nicht da.

Als es ihm endlich gelang, einzuschlafen, war der Krug – und es war kein kleiner Krug – bereits halb leer. Aber er tröstete sich damit, das er ja immerhin auch noch halb voll war.

...

Als Elina ihn weckte, meinte er, sich gerade erst hingelegt zu haben. Da es bereits zu dämmern begann, konnte das aber wohl nicht stimmen. Sie hatte ihm eine gebratene Hammelkeule mitgebracht, dazu feines weißes Brot und eine Kanne von dem heißen dunklen Gebräu, das so merkwürdig wach machte. Die Hammelkeule war etwas zäh, aber davon sagte er nichts, er wollte es sich nicht mit Elina verscherzen. Darum erwähnte er auch nicht, dass er ihr misstraute hinsichtlich ihres Wissens davon, dass Krauta und er nach Marinda wollten. Sie war ja ansonsten ganz nett, und vielleicht war er noch einmal auf sie angewiesen. Das konnte man nie wissen.

Sie hatte eine Schriftrolle aus Pergament mitgebracht, auf der sie genau den Weg zu Marinda aufgezeichnet hatte. Bardo staunte sowohl über ihre Zeichenkunst als auch darüber, wie gut sie den Weg kannte. Sie schien jeden Fluss, jedes Dorf, jeden Baum und jeden Felsen zu kennen. Erst jetzt wurde ihm wieder klar, was für einen weiten Weg er noch zurückzulegen hatte – allein schon für den Hinweg. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte Krauta davon gesprochen, dass man von Quelltal aus noch anderthalb Tage bis zur Grenze brauchen würde. Und dann war man noch ungefähr zwei Tage unterwegs, bis man den Aufenthaltsort von Marinda erreichte. Alles unter der Voraussetzung, dass man nicht vom Weg abkam und sich verirrte.

8 Auf dem Weg zu Marinda

Es war regnerisches Wetter, als Bardo am Abend losmarschierte. Nur bewaffnet mit seinem Dolch trottete er von Quelltal aus Richtung Osten auf das große Gebirge zu. Er hatte zwar gedacht, sich schon mitten im Gebirge zu befinden, aber von Elina wusste er, dass dies nur die Ausläufer einer riesigen Bergkette waren, deren Gipfel sich wie eine Perlenkette von Norden nach Süden durchs Land zogen und die er überwinden musste. Die Grenze zum Königreich Kirlana verlief etwas unterhalb der Gipfel, und er musste rechtzeitig vor dem Grenzübergang den Weg verlassen, um den Grenzposten nicht in die Hände zu fallen, so hatte zumindest Elina ihm geraten, da sie davon ausging, dass die Grenze angesichts der aktuellen Situation schwer bewacht sein würde. Sie hatte ihm eine große Umhängetasche aus Leder mitgegeben, voll gestopft mit Proviant und anderen nützlichen Sachen. Verhungern würde er also so schnell nicht, aber es gab genug andere Arten zu sterben, wenn man fast unbewaffnet durch die Wildnis wanderte. Dabei hatte er weniger vor wilden Tieren Angst - welche ihm ja allenfalls zufällig in die Quere kommen konnten – als vor dem Soldatentrupp, der auf der Jagd nach Krauta war. Elina hatte in Erfahrung gebracht, dass sie in der letzten Nacht und auch am heutigen Tag nicht zurückgekommen waren, was bedeutete, dass sie sich noch irgendwo zwischen Quelltal und seinem und Krautas Ziel aufhielten. Das konnte auch ein gutes Zeichen sein, bedeutete es doch, dass sie Krauta offenbar noch nicht erwischt hatten. Zumindest hoffte er das.

Bardo marschierte nicht zu schnell; er musste sich seine Kräfte einteilen, auch um bei eventuellen Scherereien noch genug davon übrig zu haben. Außerdem wollte er so leise wie möglich sein, damit er potenzielle Gegner hörte, bevor sie ihn bemerkten. Er musste sich ganz auf sein Gehör verlassen, da es mittlerweile stockdunkel geworden war und er Mühe hatte, den Weg zu erkennen. Der Regen wurde immer stärker, und Bardos Lederrüstung war schon bald völlig durchnässt. Er schritt jetzt doch etwas forscher aus, einerseits um gegen die Kälte anzukämpfen, die von seinem Körper Besitz ergreifen wollte, andererseits weil er einfach zu ungeduldig war. Er widerstand der Versuchung, sich einen Unterschlupf zu suchen und ein wärmendes Feuer zu machen.

Als der Morgen graute, regnete es immer noch. Bardo hatte sich während der ganzen Nacht keine Pause gegönnt; die wäre bei dem Wetter auch nicht sehr erholsam gewesen. Aber jetzt hielt er Ausschau nach irgend etwas, das ihm Schutz bot vor dem Regen und vor den Augen seiner Feinde. Da er von der mittlerweile völlig aufgeweichten, matschigen Straße aus nichts Passendes entdecken konnte, verließ er diese und kämpfte sich durch das dichte Gestrüpp. Es ging ziemlich steil abwärts, bis er nach etwa hundert Schritten an eine Felswand kam, an der er nun entlang ging, in der Hoffnung, bald einen Felsvorsprung oder etwas Ähnliches zu finden, um endlich diesem widerlichen Regen zu entkommen. Er fand zwar keinen Felsvorsprung, dafür aber eine Öffnung in der Feldwand, etwas mehr als mannshoch und genauso breit und von Büschen verdeckt, so dass er sie fast übersehen hätte.

Vorsichtig tastete er sich hinein. Wenn hier eine – vorausgesetzt unbewohnte - Höhle war, war es der ideale Rastplatz für den kommenden Tag. Darin konnte er es vielleicht sogar wagen, ein kleines Feuer zu machen. Er sehnte sich nach ein bisschen Wärme und vor allen Dingen nach Schlaf. Am liebsten hätte er sich, kaum das er den Regen zwei oder drei Schritte hinter sich gelassen hatte, auf der Stelle hingelegt. Doch er riss sich zusammen und bewegte sich zögernd vorwärts. Nachdem der Gang eine erste Biegung gemacht hatte, holte er aus der Umhängetasche eine der kleinen Handfackeln hervor, die Elina ihm mitgegeben hatte, und entzündete sie mit Hilfe von Feuerstein, Stahl und Zunder. Das war in der Dunkelheit recht mühselig, und es glückte ihm erst beim fünften Versuch. Er bedauerte, dass Krauta nicht bei ihm war mit ihrem Feuerzauber. Aber er bedauerte es nicht nur deswegen.

Im Fackelschein konnte er jetzt zügiger gehen, ohne Gefahr zu laufen, über irgend etwas zu stolpern. Nach einer weiteren Biegung mündete der Tunnel in eine gemütliche Höhle. Sie war ungefähr fünf Schritte breit und tief. Und sie war tatsächlich gemütlich. Der Boden war mit getrockneten Binsen ausgelegt, auf der linken Seite stand ein Feldbett, rechts ein Tisch mit Stühlen und in der Mitte des Raumes befand sich eine erkaltete Feuerstelle, darüber eine Öffnung für den Rauchabzug. An der Rückwand entdeckte er ein Regal, als er mit seiner Fackel die Höhle betrat. Was darauf zu finden war, interessierte ihn im Moment aber nicht, er wollte einfach nur schlafen. Doch er war sich nicht sicher, ob er hier sicher war. Wer hauste wohl hier und wo war derjenige jetzt? Da es keinen Sinn hatte, lange darüber nachzugrübeln, entschloss er sich, das Risiko einzugehen und sich einfach schlafen zu legen. Er löschte die Fackel und legte sich auf den Fußboden; das Bett wollte er lieber nicht benutzen, um den möglichen Bewohner dieser Höhle nicht unnötig zu verärgern, falls dieser zurückkommen sollte. Kaum hatte er sich ausgestreckt, schlief er auch schon ein.

...

Er war nicht allein, als er erwachte. Das Feuer war entfacht und am Tisch saß ein kräftig aussehender Mann mittleren Alters. Er trug ein Kettenhemd unter seinem dunkelgrünen Waffenrock und war mit einem Schwert bewaffnet, das allerdings noch in der Scheide steckte. An der Wand lehnte ein Bogen, daneben lag ein Köcher mit Pfeilen. Das alles bemerkte Bardo aber erst später. Er sah zunächst nur, dass da ein Mann saß und dass das Feuer an war. Und ihm war klar, dass die Möglichkeit bestand, das Ende dieses Tages nicht zu erleben.

Als der Mann sah, dass Bardo wach wurde, zog er sein Schwert und beugte sich vor.

»Schön liegen bleiben! Ich möchte dich nicht abstechen müssen. Und ich werde dir auch sagen warum: Weil ich keine Lust habe, hinterher dein Blut wegzuwischen. Das ist aber auch der einzige Grund. Du kannst davon ausgehen, dass ich, wenn es nötig sein sollte, keinen Moment zögern werde, deinem armseligen Leben ein Ende zu machen.«

Bardo zog es vor, liegen zu bleiben. Er war sowieso noch nicht richtig wach und sah keine Chance, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Er konnte nur abwarten und hoffen, dass der Krieger kein Soldat des Königs war. Der grüne Waffenrock ließ ihn allerdings hoffen; die Kampfkleidung der Soldaten Tolerlands war normalerweise rot, wenn sich das inzwischen nicht geändert hatte. Da sich aber in der letzten Zeit sehr viel verändert hatte, war auch nicht auszuschließen, dass des Königs Kämpfer jetzt dunkelgrüne Waffenröcke trugen, möglicherweise der besseren Tarnung wegen. Wenn das zutraf, war es um Bardo geschehen.

»Was bist du für einer?« Der Mann fuchtelte mit der Schwertspitze vor Bardos Gesicht herum, der nicht so richtig wusste, was er antworten sollte. Sagte er die Wahrheit, konnte dass genauso falsch sein als wenn er log, je nachdem, wen er da vor sich hatte. Aber er hatte Glück und konnte die Entscheidung aufschieben, da der Mann schon die nächste Frage stellte, ohne eine Antwort auf die erste abzuwarten:

»Wieso pennst du hier in unserer Höhle?«

Diese Frage war leichter zu beantworten.

»Ich war todmüde, und da niemand hier war, den ich fragen konnte, war ich so frei, mich schlafen zu legen. Ich hatte nicht die Absicht, Euch Eure Höhle streitig zu machen. - Darf ich fragen, welche Tageszeit wir haben?«

»Nein! Die Fragen stelle ich hier. Also, wer bist du und was machst du in dieser Gegend? Ich rate dir, schnell und ehrlich zu antworten.«

»Ich bin auf der Durchreise«, antwortete er ausweichend.

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin