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Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Bogenschützin
Pergament

– 19. Fortsetzung –

»So genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen.« Er wartete einen Moment, bevor er weitersprach, oder besser gesagt weiterbrüllte: »Willst du mich verarschen?! Du machst dich hier in unserer Höhle breit, pennst auf unserem Fußboden und besitzt auch noch die Frechheit, anzunehmen, wir seien blöd. Also, ich frage dich jetzt zum letzten Mal: Wer bist du, wo kommst du her und wo willst du hin und warum?«

Es irritierte Bardo, dass der Mann von unserer Höhle, unserem Fußboden sprach: Waren hier mehrere Leute zu Hause? Das konnte er sich nicht vorstellen, auf dem Feldbett war gerade mal Platz für eine Person. Aber ob nun einer oder mehrere, das half ihm nicht bei der Entscheidung, was er antworten sollte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Wenn der Bewohner dieser Höhle tatsächlich einer der Häscher von König Bracc war, musste der doch zumindest ahnen, wen er da vor sich hatte. Da das aber nicht der Fall zu sein schien, beschloss Bardo, es mit der Wahrheit zu versuchen, es musste ja nicht gleich die ganze Wahrheit sein.

»Mein Name ist Bardo. Ich komme aus Seedorf, wo eine heimtückische Krankheit ausgebrochen ist. Auf der Suche nach einem Heilmittel bin ich hierher geraten.«

Der Waffenrockträger blickte einen kurzen Augenblick Richtung Eingang der Höhle. Bardo wagte nicht seinem Blick zu folgen, sondern tat so, als habe er das nicht bemerkt.

»Also gut, das ist ja zumindest mal ein Anfang.« Der Mann war plötzlich wie verwandelt und steckte sein Schwert weg. »Du darfst jetzt aufstehen und dich an den Tisch setzen. Wir werden gemeinsam etwas essen, denn du siehst so aus, als könntest du was zu beißen gebrauchen. Anschließend wirst du mir die ganze Geschichte erzählen, wenn ich dir gewogen sein soll.«

Bardo sah erst jetzt, dass der Tisch schon gedeckt war, und zwar so, dass einem durchaus das Wasser im Mund zusammenlaufen konnte. Kalter Braten, Räucherfisch, weißes Brot, Blaubeeren, weitere Früchte, die er nicht kannte und für jeden zwei Becher, ein größerer, gefüllt mit Blauwein, und ein kleinerer, der eine dunkle, dampfende Flüssigkeit enthielt. Außerdem stand noch ein Krug auf dem Tisch, ebenfalls gefüllt mit Blauwein. Es war eine seltsame Situation, die Bardo überhaupt nicht gefiel. Er saß mit dem Rücken zum Höhleneingang, der Fremde ihm gegenüber.

»Ich habe aber Proviant dabei«, setzte er an, doch der Mann unterbrach ihn:

»Das glaube ich dir gern, halte es jedoch nicht für ausgeschlossen, dass du noch froh sein wirst, wenn du sparsam damit umgegangen bist, und dazu hast du jetzt Gelegenheit, indem du dieses Mahl mit mir teilst. Lass es dir schmecken.«

Bardo hatte Hunger, und er aß. Es schmeckte auch gut, aber es schmeckte ihm trotzdem nicht. Er überlegte die ganz Zeit verzweifelt, was er dem Krieger nachher erzählen sollte. Was konnte es schon schaden, wenn er die ganze Wahrheit berichtete? Zumindest bestand dann die Möglichkeit, dass er mit dem Leben davon kam, weil er nicht beim Lügen erwischt werden konnte. Das mochte vielleicht feige sein, aber da er ja nicht wusste, auf welcher Seite sein Gegenüber stand, war es letztlich fast einerlei, was er dem erzählte, es konnte immer falsch sein. Er musste daran denken, mit welch beeindruckender Sicherheit Krauta die Lügen des verhinderten Meuchelmörders erkannt hatte. Vielleicht gab es ja noch mehr Menschen, die dieses konnten, zum Beispiel dieser seltsame Höhlenbewohner. Bardo ertappte sich dabei, wie er möglichst viele Gründe suchte, um ohne schlechtes Gewissen ehrlich sein zu dürfen. Welch ein seltsamer Widerspruch.

Das heiße Getränk schmeckte so ähnlich wie das Gebräu, dass er schon bei Krauta und Elina kennen gelernt hatte, bitter, aber die Lebensgeister weckend. Komisch, dass er ein Getränk, welches er vorher nicht gekannt geschweige denn getrunken hatte, jetzt innerhalb weniger Tage so oft zu sich nahm. Das war zwar jetzt nicht seine größte Sorge, aber eigenartig war es trotzdem.

...

Nachdem sie das Mahl beendet hatten, erzählte Bardo ausführlich, was seit seinem Aufbruch von Seedorf geschehen war. Zu Anfang hatte er dabei noch ein ungutes Gefühl, immerhin gefährdete er ja die ganze Unternehmung, aber mit zunehmender Erzähldauer kam er zu der Überzeugung, dass er Krautas und seine Erlebnisse keinem Falschen erzählte, obwohl es keine Anhaltspunkte dafür gab; der Fremde schaute noch immer genauso mürrisch aus der Wäsche wie zu Anfang. Und wenn Bardo sich irren sollte und er doch an den Falschen geraten war, so tröstete er sich mit dem Gedanken, dass es Grund genug sei, durch seine Erzählung sein eigenes Leben zu retten - falls er es damit retten konnte, sicher war das ja keineswegs.

Während Bardo erzählte, schaute der andere immer wieder an ihm vorbei in Richtung Höhleneingang. Ein wenig beunruhigte das Bardo. Erwartete der Mann Besuch? Oder befürchtete er unerwarteten Besuch? Als Bardo fertig war mit seiner Geschichte, lehnte sich sein Gegenüber nachdenklich zurück und schaute eine Weile ins Leere. Dann schaute er wieder zum Höhleneingang und nickte.

Bardo erschrak, als plötzlich hinter ihm eine weibliche Stimme ertönte:

»Der junge Herr hat die Wahrheit gesprochen.«

Es näherten sich Schritte, und eine schlanke junge Frau betrat den Raum. Sie trat hinter den Krieger, legte ihre Hände auf dessen Schultern und sah Bardo unverblümt neugierig an. Ihre dünnen blonden Haare reichten fast bis zu ihrem süßen Hintern. Ihr Gewand war ebenso dunkelgrün wie das des Mannes und bestand aus Bluse, Wams und Hose. Ein Kettenhemd konnte Bardo nicht ausmachen, dafür an ihrem Gürtel außer einem Dolch und einem ledernen Trinkbecher mehrere verschieden große Beutel. Was sie mit so vielen Beuteln wollte, erschloss sich Bardo nicht. Vielleicht wollte sie es ja einem möglichen Beutelschneider schwer machen, den richtigen zu erwischen.

»Auch wenn er uns nicht alles erzählt hat. Aber das Wenige, was er weggelassen hat, geht uns glaube ich nichts an.« Ihre Lippen formten sich zu einem anzüglichen Lächeln.

»Viel habt ihr mir ja nicht übrig gelassen.« Sie setzte sich zu den beiden an den Tisch und begann genüsslich zu essen und zu trinken.

Bardo wurde noch unsicherer. Schon wieder eine Person, die anscheinend seine Gedanken lesen konnte. Gut, dass er ehrlich gewesen war. Obwohl noch abzuwarten war, ob seinen beiden Gastgebern die Wahrheit überhaupt gefiel.

Er dachte darüber nach, einfach zu verschwinden, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder, weil ein Gelingen ziemlich unwahrscheinlich war. Und auf einen Kampf wollte er es ohne richtige Waffe nicht ankommen lassen. Es war wohl besser, wenn er abwartete, was nun passieren würde. Fliehen konnte er notfalls immer noch.

»Deine Geschichte ist sehr interessant«, begann der Mann plötzlich zu reden, »schade, dass es nicht nur eine Geschichte ist, sondern bittere Wahrheit. Was du da erzählt hast, klingt äußerst beunruhigend. Ich kann mir da nur schwer einen Reim daraus machen, und wenn ich es doch versuche, erscheint alles nur noch viel unübersichtlicher und bedrohlicher. Aber ich möchte mich zunächst einmal bei dir bedanken, dass du uns so ehrlich und ausführlich Auskunft gegeben hast. Das war sehr nett von dir. Dein anfängliches Zögern führe ich darauf zurück, dass du ja nicht wissen konntest, mit wem du es zu tun hast.«

Bardo atmete auf.

»Und mit wem habe ich es zu tun?«

»Ich bin Melvin der Waldläufer, und meine Gefährtin heißt Selma. Warum wir hier hausen und was wir hier treiben, braucht dich im Moment nicht zu interessieren, aber ich kann dir versichern, dass wir auf deiner Seite sind. Wir werden dir helfen – mit unseren bescheidenen Mitteln. Zu Marinda begleiten können wir dich zwar nicht, aber wir wollen mal sehen, ob wir sonst etwas für dich tun können. Auf jeden Fall brauchst du Waffen, darum kümmern wir uns nachher. Proviant hast du genug dabei?«

»Ich denke schon. Wenn ich nicht vollständig vom Weg abkomme, wird es reichen.«

»Es wäre das Beste, wenn du deine Gefährtin, diese Krauta, wiederfinden würdest. Aber du darfst keine Zeit damit vergeuden, sie zu suchen. Du musst so schnell wie möglich bei Marinda eintreffen. Vielleicht weiß sie ja tatsächlich eine Lösung.«

»Darf ich jetzt vielleicht erfahren, welche Tageszeit wir haben?«

Melvin lachte. »Natürlich. Es ist kurz nach Mittag. Da du anscheinend nur in der Finsternis zu reisen geruhst, haben wir noch etwas Zeit. Wenn wir dich mit Waffen versorgt haben, solltest du noch etwas schlafen, damit du dich ausgeruht auf den Weg machen kannst. Aber jetzt auf in die Waffenkammer.«

»Waffenkammer?« Bardo sah sich in der Höhle um. Er konnte nirgends eine Öffnung ausmachen, die zu einem weiteren Raum hätte führen können.

»Komm mit!« Melvin entzündete eine Fackel an dem Feuer und verließ die Höhle durch den Tunnel, Bardo folgte ihm. Als sie den Eingang erreicht hatten, bedeutete Melvin ihm, leise zu sein, und lugte vorsichtig hinaus. Die Luft war rein, und sie verließen den Tunnel. Es regnete nicht mehr. Das gleißende Tageslicht blendete Bardo zunächst, außerdem fühlte er sich nicht wohl dabei, womöglich von einem Späher entdeckt werden zu können. Melvin hatte diese Sorge offenbar nicht, und vielleicht hatte er recht, schließlich waren sie ein gutes Stück von der Straße entfernt.

Sie gingen an der Felswand entlang, und nach etwa dreißig Schritten kamen sie an eine weitere Tunnelöffnung, ebenfalls durch ein Gebüsch getarnt. Dieser Tunnel war wesentlich länger als der erste und sehr kurvenreich, bis er in eine Höhle mündete, etwas kleiner als die erste und auch nicht so gemütlich, eher karg. In der rechten Wand befand sich eine Tür, die Melvin mit einen Schlüssel aufschloss und den dahinter liegenden Raum betrat. Bardo trat ebenfalls ein. In dem spärlichen Licht der Fackel konnte man nicht viel erkennen, aber nachdem Melvin drei Wandfackeln entzündet hatte, ging es besser. Jetzt wurden vier roh gezimmerte große Kisten sichtbar, die fast die Hälfte des Raumes ausfüllten. Der Krieger öffnete alle vier.

»So, dann such dir mal was aus.«

Es war wieder einmal an Bardo, zu staunen. Eine der Kisten war gefüllt mit Schwertern, Säbeln, Degen, Dolchen und ähnlichem, die zweite mit Äxten, Hellebarden, Streithämmern, Morgensternen und so weiter, in der dritten befanden sich Bögen aller Art und Größen und in der vierten lagen ein paar Armbrüste.

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin