Pfeil

Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Wölfe
Pergament

– 9. Fortsetzung –

»Ich weiß nicht recht«, sagte er, »ich möchte dich nicht verärgern und hoffe, dass du mir meine Neugierde nicht übel nimmst.«

»Nun mach schon, ich kann einiges vertragen, und wenn nicht, wirst du es schon merken.«

»Also gut, ich riskier es einfach. Fang ich mal hinten an. Wie hast du den Kerl vor deinem Haus erledigt? Ich hab nur einen grellen Blitz gesehen. Bist du eine Zauberin?«

Sie schmunzelte. »Ich bin eine Heilerin und Kräuterkundige. Eine Zauberin bin ich leider nicht.«

»Aber was war es denn dann?«

»Es war schon Magie, aber deswegen bin ich noch längst keine Magierin. Ich koche ja auch und bezeichne mich deswegen nicht als Köchin. Ich braue Tränke und bin trotzdem keine Alchimistin.«

»Aber du kannst zaubern; kochen und Tränke mixen können viele, aber ich habe noch niemanden kennen gelernt, der Magie beherrscht.«

Sie sah ihn forschend an. »Du bist noch nicht sehr viel herumgekommen in Grünwelt, stimmts?«

»Leider«, musst er zugeben. Irgendwie war ihm das ein wenig peinlich.

Aber Krauta ging nicht weiter darauf ein.

»Sagen wir mal, ich bin keine große Magierin oder Zauberin, aber ich gebe zu, dass es reicht, um mich im Notfall zu verteidigen. Aber du wolltest noch mehr von mir wissen. Eine ganze Menge Fragen wolltest du mir stellen.«

»Hast du den anderen Mann auch mit Magie erledigt? Ich habe kein Blut gesehen.«

»Ja. Eigentlich wollte ich ihn nicht töten, aber er war so plötzlich da und hat mich sofort angegriffen, so dass mir keine Zeit blieb, um den Zauber kontrolliert zu sprechen.«

»War es der gleiche Zauber? Und was ist das für ein Zauber? Ich sah es nur einmal aufblitzen, aber nichts, was den Schurken getroffen hätte; er fiel nur einfach so vom Baum. Das verstehe ich nicht.«

»Es handelt sich ganz einfach um reine Energie, und die ist nun mal nicht sichtbar. Das hat den Vorteil, dass der Gegner das Unheil nicht kommen sieht. Einem Feuerball zum Beispiel könnte er möglicherweise ausweichen.

Was willst du noch wissen? Eine Frage noch, dann sollten wir machen, dass wir weiterkommen.«

»Ich möchte gerne wissen, warum du mir vertraust. Wir kennen uns kaum, und du hast mich bereits zu diesem verbotenen Dorf geführt. Wieso bist du dir so sicher, dass ich nicht dem Nächstbesten davon erzähle?«

Sie lächelte ihn an. »So etwas spüre ich. Das mag jetzt zwar blöd klingen, ist aber so.« Sie beugte sich zu ihm hin und gab ihm einen zarten Kuss auf den Mund.

...

Einen Geschlechtsakt später befanden sie sich wieder auf dem Fluss, suchten die Ufer ab und kämpften gegen die Strömung. Die Sonne war weitergezogen und Bardo hatte uneingeschränkte Sicht auf Krautas Körper. Schade nur, dass er auch auf das blöde Ufer achten musste.

»Wie weit ist es noch bis zur Grenze?« wollte Bardo wissen.

»Wenn wir dieses Tempo beibehalten, könnten wir morgen Mittag das Dorf Quelltal erreichen, von wo aus wir dann zu Fuß weiter müssen. Vielleicht sind wir übermorgen Abend dann schon an der Grenze. Dann brauchen wir noch ungefähr zwei Tage, bis wir am Ziel sind. Aber wir sollten nicht soviel reden; wir brauchen unseren Atem noch.«

Der Fluss wurde allmählich schmaler, während der Baumbestand nun hin und wieder Lücken aufwies und den Blick freigab auf die Gegend, die immer gebirgiger wurde. Nun, da nicht mehr so viele Bäume im Weg standen, war es nicht mehr so mühsam, das Flussufer zu beobachten.

Bardo dachte über die Bemerkung Krautas nach, dass er noch nicht viel von Grünwelt gesehen hatte. Darüber hatte er bis dahin noch nie nachgedacht. Er fühlte sich wohl in seinem Dorf und der näheren Umgebung. Obwohl es ja doch ein wenig verwunderlich war, dass er als Kundschafter so wenig herumgekommen war. Aber da Tolerland schon seit Jahren an keinem Krieg teilnahm, wurde Bardo eben nur als Bote eingesetzt, und dabei war eine größere Reise noch nicht erforderlich gewesen. Einen großen Teil seines Dienstes nahm das Training ein. Nahkampf, Fernkampf und lautloses Schleichen wurden immer und immer wieder geübt. Es konnte einem manchmal zum Halse heraushängen. Immerhin hatte er ein regelmäßiges und gesichertes, wenn auch bescheidenes Einkommen. Er wusste, dass viele aus seinem Dorf ihn beneideten, und das konnte er durchaus verstehen. Nicht wenige mussten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf den Feldern schuften und machten sich den Rücken kaputt für einen unerträglich niedrigen Lohn. Nein, da hatte er es schon besser. Allerdings hatte sich ja jetzt herausgestellt, dass er auch gefährlicher lebte als die meisten seiner Mitbürger. Dafür sah er etwas von der Welt, zum Beispiel ein Dorf, dass es nicht gab. Beziehungsweise nicht geben durfte. Über diesen geheimnisvollen Ort musste er unbedingt mehr erfahren. Seine Blicke wanderten vom rechten Ufer zu der bezaubernden, aber auch rätselhaften Person vorne im Boot und wieder zurück. Fische gab es hier auch, aber sie begleiteten nicht das Boot, sondern kamen ihnen entgegen. Vielleicht sollte man sich zum Abendessen einen fangen, das würde Vorräte sparen. Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als Krauta ihm auch schon einen Kescher nach hinten reichte.

»Vielleicht sollten wir uns unser Abendessen aus dem Fluss holen«, sprach sie, paddelte munter weiter und gab acht auf das linke Flussufer. Bardo war jetzt überzeugt davon, dass sie seine Gedanken lesen konnte, und das beunruhigte ihn. Er ließ noch einmal seinen Blick über das rechte Flussufer schweifen und wandte sich dann den Fischen zu. Am Anfang hatte er kein Glück; die Fische schienen die Gefahr zu ahnen und wichen dem feinmaschigen Netz geschickt aus. Aber am Ende erwischte er doch eine schöne Forelle, ungefähr einen halben Schritt lang. Er betäubte sie mit einem Schlag des Stechpaddels auf den Kopf und tötete sie anschließend mit einem Messerstich ins Herz. Das würde ein feines Abendessen werden. Er griff schnell wieder zum Paddel, denn mit halber Kraft waren sie erheblich langsamer geworden. Drei Viertel des Tages waren sie jetzt schon auf dem Wasser unterwegs. Der Himmel war wolkenlos, und die Sonne sandte unbarmherzig ihre heißen Strahlen auf die beiden Reisenden. Bardo schwitzte. Er überlegte, ob er sich der Lederrüstung entledigen sollte, verwarf aber diesen Gedanken unter Anbetracht der möglichen Gefahren schnell wieder.

Plötzlich hob Krauta den Arm, drehte sich zu ihm um, legte den Zeigefinger an die Lippen zum Zeichen, leise zu sein und zeigte auf das rechte Flussufer, auf das sie nun schnell zusteuerten. Dort angekommen, schleppten sie hastig das Kanu an Land und hockten sich hinter einen Felsbrocken. Bardo blickte Krauta fragend an, aber sie schüttelte nur den Kopf und hob dann vorsichtig denselben, um den Fluss einsehen zu können. Bardo tat es ihr nach. Es dauerte noch ungefähr zwei Minuten, dann sah er sie kommen: Zwei große Boote, mit jeweils zehn Männern besetzt, alle blond, jagten in atemberaubendem Tempo flussabwärts. Nach wenigen Augenblicken waren sie schon wieder aus ihrem Sichtfeld verschwunden.

»Was waren denn das für welche?« wollte Bardo wissen.

»Hast du auf die Farben der Waffenröcke geachtet?« Krauta schmunzelte. »Dann solltest du das eigentlich wissen, sonst wärst du ein schlechter Kundschafter.«

»Schwarzer Pfeil auf grünem Grund. Das ist das Wappen von Kirlana. Wie ist das möglich, dass die diesseits der Grenze unterwegs sind? Da stimmt doch was nicht.«

»Du hast recht. Etwas stimmt nicht. Da es nur zwanzig Soldaten waren, gehe ich davon aus, dass es sich um einen Spähtrupp handelt. Wenn ich richtig gesehen habe, waren es ausschließlich Siergen. Wir sollten ab jetzt noch vorsichtiger sein.«

»Vor Siergen habe ich keine Angst«, tönte Bardo trotzig.

»Das solltest du aber. Zumindest, wenn sie deine Gegner sind. Hast du schon mal Siergen kämpfen gesehen? Sie haben eine Schnelligkeit und Präzision, mit der es nur wenige Menschen und Zwerge aufnehmen können. Hat dein Vater dir denn nie davon erzählt?«

»Nein. Ich glaube, er hatte nie mit Siergen zu tun. Die gehören ja auch nicht hierher. Nach Kirlana aber doch auch nicht. Die Kirlaner sind doch ein Menschenvolk. Wieso haben die denn siergische Soldaten? Das ist doch alles sehr komisch.«

Krauta sah ihn seltsam an. Ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Entsetzen und Mitleid.

»Und warum meinst du, das Siergen nicht hierher gehören?«

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin