Pfeil

Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Fluss
Pergament

– 10. Fortsetzung –

»Findest du das etwa richtig? Die haben doch ihr eigenes Land. Warum bleiben sie denn nicht da? Wir brauchen sie hier nicht.«

»Sag mal, was hast du denn gegen die Siergen? Hat dir schon einmal einer etwas Böses angetan?«

»Mir noch nicht. Aber es ist doch bekannt, was das für hinterhältige Kreaturen sind. Wenn man nicht aufpasst, klauen sie einem die Wäsche von der Leine. Und das ist noch das Harmloseste«

»Aha. Woher weißt du denn das? Hast du es gesehen?«

»Was soll das? Warum verteidigst du denn diesen Abschaum? Was hast du mit denen zu tun?«

»Glaubst du tatsächlich, dass du etwas Besseres bist?« Krautas Stimme wurde lauter. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. »Es gibt wahrlich genug Unbill auf dieser Weltscheibe, und reichlich Böses, vor was wir uns fürchten müssen, aber die Siergen gehören absolut nicht dazu. Wo hast du bloß diesen Unsinn her?«

»Unsinn? Das ist kein Unsinn! Das ist die Wahrheit. Mir ist noch niemand begegnet, der etwas Gutes über die Siergen zu sagen wusste. Wer weiß, ob sie nicht auch etwas mit der furchtbaren Krankheit zu tun haben. Ich traue denen das zu.«

»Aber du kennst sie doch gar nicht! Wie kannst du nur über Wesen urteilen, die dir noch nie über den Weg gelaufen sind. Die du wahrscheinlich nur aus den Geschichten kennst, die die alten Wichtigtuer in deinem Dorf erzählen. Ich bin einigermaßen entsetzt, wie ein junger Mensch wie du geistig dermaßen verseucht sein kann.«

»Aber sie sind mir doch über den Weg gelaufen. In diesem verbotenen Dorf liefen ja genug herum. Und dann noch die ganzen Zwerge. Wieso leben die überhaupt zusammen in einem Dorf. Man erzählt sich doch, dass Siergen und Zwerge Todfeinde sind.«

»Also erst einmal ist das Dorf nicht verboten, sondern nur nicht bekannt. Über alles andere sollten wir uns ein andermal unterhalten. Wir müssen zusehen, dass wir endlich weiterkommen, wir haben schon zuviel Zeit verquatscht.«

5

An diesem Abend schliefen sie nicht miteinander. Statt dessen diskutierten sie bis in die Nacht hinein über Siergen, Zwerge und Menschen. Dabei wurde Bardos Weltbild vollkommen erschüttert. Vor allen Dingen deswegen, weil Krauta stets die besseren Argumente hatte. Er wehrte sich zwar dagegen, da er nach wie vor davon überzeugt sein wollte, dass sie unrecht hatte, trotzdem begann ganz tief in seinem Innern ein Zweifel aufzukommen, der ihn am Einschlafen hinderte. Krauta hingegen konnte gut schlafen in dieser Nacht. Sie hatte fürs Erste erreicht, was sie wollte. Sie hatte es geschafft, ein wenig Unsicherheit in Bardos unerschütterliche Abneigung gegen Sierge und Zwerge zu bringen, auch wenn er es nicht zugegeben hatte.

Um am nächsten Morgen ausgeschlafen die Reise fortsetzen zu können, hatten sie darauf verzichtet, Wache zu schieben. Da traf es sich gut, dass Bardo trotzdem noch wach war, als er ein Geräusch hörte. Das Knacken eines Zweiges erregte seine Aufmerksamkeit. Nur ein einzelnes Knacken. Es wäre ihm lieber gewesen, noch weitere Zweige knacken zu hören und vielleicht Laub rascheln oder Ähnliches, denn dann hätte zumindest die Möglichkeit bestanden, dass es sich um ein harmloses Tier handelte, dass durchs Unterholz streift. In diesem Fall musste er aber davon ausgehen, dass jemand versuchte, sich anzuschleichen. Bardo wurde noch wacher, als er ohnehin schon war, nahm seinen Bogen und rollte sich leise vom Lagerplatz weg, wo die letzten Glutreste noch einen Hauch von Licht spendeten, und versteckte sich hinter einen Brombeerstrauch. Er war sich sicher, dass im nächsten Moment ein Sierg auftauchen würde, um sie auszurauben oder gar zu töten oder beides.

Was er dann erblickte, war aber kein Sierg. Auch kein Zwerg. Es war eine ausgesprochen hässliche Kreatur mit grünlich schimmernder Gesichtshaut und menschenähnlicher Figur in einer rostigen Rüstung, die da schnüffelnd den Lagerplatz betrat. Bardo wusste nicht, was er da vor sich hatte. Er wusste nur, dass er schnell handeln musste, da Krauta immer noch zu schlafen schien und die hässliche Gestalt absolut nicht den Eindruck machte, in friedlicher Mission unterwegs zu sein, zumal sie ein Krummschwert in der Hand hielt.

Bardo hakte die Sehne ein und legte einen Pfeil auf. Er würde nur schießen, wenn es nicht zu vermeiden war. Ihm fiel erst jetzt auf, was für ein Gestank von dem Wesen ausging. Wie war es möglich, dass Krauta davon nicht wach wurde? Es roch so ähnlich wie ein wilder Eber, nur irgendwie feindseliger, falls man das von einem Gestank sagen konnte.

Die Gestalt näherte sich jetzt Krauta und war wohl der Ansicht, dass von Ihr keine Gefahr ausging, denn sie legte das Krummschwert beiseite und fing an, die Rüstung abzulegen. Bardo spannte den Bogen; er würde nicht zulassen, dass Krauta von diesem Untier vergewaltigt wurde, dass unter der Rüstung keine Kleidung trug und sich soeben nach Krauta bückte. Gerade als Bardo den Pfeil auf die Reise schicken wollte, hörte er plötzlich hinter sich ein Rascheln. Er zögerte. Was sollte er tun? Trotzdem schießen? Wenn aber noch mehr von der Sorte in der Nähe waren, würden diese durch den Todesschrei ihres Artgenossen erst recht angelockt werden.

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, denn unvermittelt fiel die hässliche Gestalt offenbar ohne Grund in sich zusammen und blieb leblos vor Krautas Füßen liegen, die plötzlich aufrecht stand, ohne dass Bardo mitbekommen hatte, dass sie aufgestanden war. Sie musste wohl sehr schnell aufstehen können. So schnell, dass es mit bloßen Auge nicht zu erkennen war. Diese Frau wurde immer rätselhafter. Sie sah sich um. Offensichtlich vermisste sie ihn. Als er sich gerade zu erkennen geben wollte, raschelte es wieder im Unterholz hinter ihm. Er drehte sich vorsichtig um, den Bogen immer noch gespannt, bereit, notfalls sofort zu schießen.

Der Gestank wurde schlimmer; ein sicheres Zeichen dafür, dass Bardo und Krauta es mit einer weiteren Kreatur dieser Art zu tun bekommen würden. Nun, sollte sie doch kommen, er hatte seinen Bogen parat, und Krauta beherrschte offenbar mehr Zaubertricks, als sie zugeben wollte. Zweifel überkamen ihn erst, als plötzlich fünf von diesen Scheusalen vor ihm auftauchten, weniger als zwanzig Schritte von ihm entfernt, und sie kamen schnell näher. Mit so vielen hatte er nicht gerechnet; sie waren kaum zu hören gewesen. Es half aber alles nichts, nun musste er mit der Situation klar kommen. Die Angst halb ihm dabei, ohne Überlegung den ersten Pfeil abzufeuern, blitzschnell den zweiten aufzulegen und ebenfalls von der Sehne schnellen zu lassen. Beide Pfeile erreichten ihr Ziel und zwei der Gegner sanken zu Boden, tödlich getroffen, der eine mit einem Kopf- und der andere mit einem Halsschuss. Aber die anderen drei hatten ihn nun erreicht. Er warf den Bogen weg, der ihm jetzt nichts mehr nützte, und zog seinen Dolch. Es wird Zeit, dass ich mir ein Schwert besorge, dachte er und bereute es, dass er seines in Seedorf zurückgelassen hatte. Aber wie hätte er wissen sollen, dass ein harmloser Botengang sich zu einem so gefährlichen Abenteuer entwickeln würde. Seine Gegner trugen ähnliche Rüstungen wie der erste, welcher sie nun ja nicht mehr trug.

Sie droschen wild mit ihren Krummschwertern auf ihn ein, aber er schaffte es ganz gut, ihnen immer wieder auszuweichen, und erkannte schnell, dass sie nicht im Kampf geschult zu sein schienen; sie hauten nur einfach drauf, völlig unkoordiniert. Aber sie waren in der Überzahl, und langsam wurde es Zeit, dass Krauta ihm zu Hilfe kam. Warum zauberte sie denn nicht endlich?

Die Heilerin verzichtete jedoch auf Magie, weil die Gefahr viel zu groß war, dabei auch Bardo zu verletzen. Statt dessen sprang sie ihm mit ihrem Dolch zu Hilfe. Sie war eine geschickte Kämpferin, die behände den Hieben der Scheusale auswich und es immer wieder schaffte, mit ihrem im Verhältnis zu den großen Krummschwertern doch eher kleinen Messer Treffer zu landen. Bald bluteten die Kreaturen aus vielen Wunden – ihr Blut war hellblau -¬, während Krauta und Bardo noch unverletzt waren.

Als der nächste Widerling zusammenbrach, gaben die beiden restlichen auf und versuchten zu fliehen, wurden jedoch von zwei Feuerbällen erwischt, die Krauta ihnen hinterher schickte. Sie versuchten noch, durch sich Herumwälzen auf dem Waldboden die Flammen zu ersticken, wobei sie vor Todesangst und Schmerzen grässliche Schreie von sich gaben, aber das hatte keinen Sinn, magisch erzeugtes Feuer war schwer zu löschen. Bardo staunte, mit welcher Präzision die Feuergeschosse ihr Ziel erreicht hatten.

...

»Was sind denn das für Bestien?« fragte Bardo.

»Grünorks«, antwortete Krauta. Ihre Stimme zitterte.

»Was hast du gesagt? Grünorks? Ich dachte, die gibt es gar nicht wirklich.«

»Grünorks«, wiederholt Krauta, »ich wusste wohl, dass es sie gibt beziehungsweise gegeben hat, aber ich wusste nicht, dass es sie hier gibt. In dieser Gegend hat man mindestens tausend Jahre nichts von ihnen gehört. Ich muss überlegen.«

Sie hockte sich hin, hielt die Hände vor das Gesicht und dieses zwischen ihre Knie. So verharrte sie eine ganze Weile, während Bardo angestrengt horchte und aufmerksam um sich blickte, um bei weiteren Überraschungen gewappnet zu sein, aber es tat sich nichts. Nur ein Rabe meldete sich hoch oben in den Baumwipfeln lautstark zu Wort. Die Bäume standen hier zwar nicht so eng wie weiter unten, waren aber dafür gewaltig hoch. Hauptsächlich Nadelbäume, aber auch Laubbäume waren durchaus noch vorhanden. Der Mond sorgte für etwas Licht, was auch nötig war, da auch die letzte Glut des Lagerfeuers mittlerweile erloschen war.

Nachdem Krauta eine Viertelstunde regungslos verharrt hatte, stand sie auf, nahm Bardo bei der Hand und führte ihn zur Feuerstelle, wo sie das Feuer wieder entfachte, ohne Feuerstein und Zunder, aber darüber wunderte sich Bardo schon gar nicht mehr.

»Es scheint etwas Größeres im Gange zu sein«, begann sie, »ich hatte die ganze Zeit kein gutes Gefühl. Erst die Krankheit in deinem Dorf, dann die Überfälle auf uns, die beiden Siergenboote aus Kirlana unterwegs in Tolerland – das war schon alles recht seltsam, und jetzt auch noch diese Orks. Die geben mir am meisten zu denken. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass sie tatsächlich hier aufgetaucht sind. Sie müssen etliche Monde, wahrscheinlich Jahre unterwegs gewesen sein, um hierher zu gelangen. Ich gehe davon aus, dass da mehr dahinter steckt als Reiselust. Von jetzt an sollten wir noch vorsichtiger sein. Wir müssen abwechselnd Wache halten, auch wenn wir dann weniger Schlaf bekommen, es nützt nichts.«

Ihr Blick wanderte in den Sternenhimmel. »Es ist kurz nach Mitternacht. Versuche zu schlafen. Ich übernehme die erste Wache; du kannst mich dann in zwei Stunden ablösen.«

Es gefiel ihm zwar nicht, dass sie ihn so herumkommandierte, aber sie hatte in der Sache natürlich recht. Er war auch viel zu durcheinander und hätte alles akzeptiert, was sie entschied, weil er gar nicht in der Verfassung war, richtig nachzudenken geschweige denn Entscheidungen zu treffen. Allerdings hatte er Krauta bisher noch nicht so erschrocken gesehen wie nach dem Angriff der Grünorks. Er war froh, dass sie die erste Wache übernahm, denn er fühlte sich plötzlich entsetzlich müde und ärgerte sich, dass er erst mal nur zwei Stunden schlafen konnte.

Als er erwachte, war es bereits hell. Krauta hatte ihn offenbar schlafen lassen und ihn nicht zum Wachdienst geweckt. Warum? Das fragte er sie, während sie ihm einen Becher von dem seltsamen Gebräu reichte, dunkel, bitter und heiß und munter machend.

»Ich hatte das Gefühl, dass du den Schlaf nötiger brauchtest als ich. Außerdem bezweifle ich, dass ich überhaupt hätte einschlafen können. Das Auftauchen der Grünorks hat mich doch ziemlich aus der Fassung gebracht, wie du vielleicht bemerkt hast.«

»Allerdings. Aber mich noch mehr. Bist du denn sicher, das es Grünorks sind? Woher weißt du denn, wie sie aussehen? Hast du vorher schon mal welche gesehen?«

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin