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Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Pergament

– 11. Fortsetzung –

Krauta zögerte mit der Antwort. »Können wir das ein andermal besprechen?. Ich fühle mich momentan nicht in der Lage dazu.«

Erst wollte Bardo nachhaken, doch dann glaubte er in ihren Augen Angst zu sehen, wenn nicht sogar Entsetzen, und er ließ es bleiben. Sie würde es ihm schon noch erzählen, davon war er überzeugt.

»Was machen wir mit den Leichen?« fragte er.

»Liegenlassen«, entschied sie. »Wir haben keine Zeit, uns damit zu beschäftigen, diese bösartigen Kreaturen zu begraben. Wir müssen weiter, frühstücken können wir auch unterwegs im Boot.«

Davon war Bardo zwar nicht so begeistert, aber wahrscheinlich hatte sie wieder einmal recht. Es ging schließlich um mehr als darum, gemütlich miteinander zu frühstücken. Außerdem war er froh, von diesem Ort wegzukommen. Auf Grünorks konnte er ganz gut verzichten.

An diesem Tag verschlechterte sich das Wetter. Sie waren noch keine Stunde unterwegs, als die ersten Regentropfen fielen. Windiger wurde es auch. Das drückte noch mehr auf die ohnehin schon miserable Stimmung. Der Wind kam von vorne und peitschte ihnen den Regen direkt ins Gesicht, der immer stärker wurde und die beiden bald völlig durchnässt hatte. Wegen des Gegenwindes kamen sie nur langsam voran, so dass sie nicht wie geplant gegen Mittag in Quelltal ankommen würden, darum legten sie noch eine Rast ein. Unter einem Felsvorsprung machten sie ein Feuer, zogen ihre nassen Sachen aus und hingen diese zum Trocknen auf Zweige und Äste, die sie um die Feuerstelle platzierten.

Sie verzehrten den Rest der Forelle vom Vortag, tranken Wasser dazu und warteten darauf, dass das Wetter besser und die Kleidung trocken wurde. Da sie beide nichts anhatten, konnten sie ihrer gegenseitigen sinnlichen Zuneigung nicht widerstehen und vertrieben sich die Zeit trotz der Gefahr mit körperlicher Vereinigung.

Anschließend tauschten sie wieder ihre Meinungen aus über Siergen und Zwerge. Allerdings ging es diesmal etwas entspannter zu als am Tag vorher. Sie hatten zwar nach wie vor ihre Standpunkte, aber der von Bardo war nun schon etwas aufgeweicht, und er ging das Thema ein wenig nachdenklicher an. Es fiel ihm aber schwer, von Ansichten abzurücken, die er sein ganzes Leben lang nicht anders gehört hatte und an denen niemals gezweifelt wurde, jedenfalls nicht in Seedorf am Diamantenen See.

Die Kleider waren nun bald trocken, aber es regnete unvermindert weiter, während sich der Wind mittlerweile zu einem Sturm entwickelt hatte.

»Ich glaube, wir müssen hier übernachten«, sagte Krauta.

»Aber dann verlieren wir fast einen ganzen Tag!« Bardo sprang auf.

»Beruhige dich. Wenn wir jetzt aufbrechen, werden wir erstens wieder klatschnass und zweitens würde es nicht viel nützen, weil wir bei dem Sturm kaum von der Stelle kommen würden. Glaub mir, es ist besser, wenn wir die Nacht über hier bleiben und morgen weiterfahren.«

»Und wer sagt uns, dass es morgen nicht mehr regnet?«

»Niemand.«

»Und wie lange wollen wir hier hocken bleiben, wenn es gar nicht mehr aufhört zu regnen?!«

»Es wird schon aufhören. Und wenn es bis morgen früh nicht aufgehört hat, brechen wir trotzdem auf. In Ordnung? Aber heute hat es wirklich keinen Sinn mehr. Wir würden Quelltal sowieso nicht mehr erreichen.«

»Also gut. Aber morgen früh muss es auf jeden Fall weiter gehen.«

»Ich verspreche es dir. Und jetzt komm her. Ich habe wieder Appetit auf dich.«

...

Es hörte auf zu regnen, als die Nacht hereinbrach, und auch der Sturm ebbte allmählich ab. Dafür kühlte es deutlich ab, so dass sie ihre Kleidung wieder anzogen. Diesmal verzichteten sie nicht auf die Wache und vereinbarten, sich alle zwei Stunden abzuwechseln. So eine Überraschung wie die letzte Nacht wollten sie nicht noch einmal erleben. Krauta übernahm die erste Wache, die sie wieder ein wenig ausdehnte. Aber etwas Schlaf wollte sie sich doch gönnen und weckte Bardo zur zweiten Wache, die dieser müde antrat, während er darüber nachdachte, wie er es bloß anstellen sollte, nicht einzuschlafen. Er beschloss, ein wenig auf und ab zu gehen, ließ es aber nach einer Weile bleiben, weil der Lärm seiner eigenen Schritte ihn störte und er befürchtete, andere Geräusche zu überhören, die Gefahr bedeuten könnten. Sie befanden sich ungefähr fünfzig Schritte vom Flussufer entfernt. Das Kanu hatten sie dort zurückgelassen, weil sie gar nicht schnell genug Schutz vor dem starken und kalten Regen bekommen konnten. Vielleicht sollte er mal nachsehen, ob es sich während des Sturms nicht selbständig gemacht hatte. Sich ständig nach allen Seiten umschauend und horchend schlich er zum Fluss, wobei er darauf achtete, möglichst im Schatten der Bäume und Felsen zu bleiben, denn der Mond schien in dieser Nacht besonders hell. Er war erleichtert, als er das Kanu erblickte. Es lag noch an der gleichen Stelle, wo sie es zurückgelassen hatten. Bardo setzte sich auf einen Stein und schaute auf den Strom, der ruhig dahinfloss und in dem sich das silberne Mondlicht spiegelte.

Das Leben war schon seltsam. Er musste an sein Dorf denken, wie es war, bevor die seltsame Krankheit Einzug hielt. Die meisten Dörfler arbeiteten auf den umliegenden Bauernhöfen. Sie waren alle frei; die Leibeigenschaft war schon vor Jahrzehnten vom damaligen König Ordom abgeschafft worden, und sein Nachfolger König Bracc hatte sie bisher nicht wieder eingeführt. Dafür ließ er regelmäßig Heerscharen von Steuereintreibern ausschwärmen, um den Menschen das bisschen, was von ihren kargen Löhnen übrig blieb, auch noch zu nehmen, wenn sie es bis dahin nicht ausgegeben hatten. Da war es schon besser, es gleich auszugeben. Darum waren die Tavernen und Gasthäuser auch immer gut besucht. Auch Bardo hatte sich nach dem Dienst gerne dort aufgehalten. Kaum einer wagte es, sein Geld zu sparen und irgendwo zu verstecken. Zu groß war die Angst, dass die Steuereintreiber es finden könnten, und die waren nicht zimperlich. Die Bestrafung erfolgte stets an Ort und Stelle.

Aber die Steuereintreiber kamen ja nicht jeden Tag, und dazwischen war es recht beschaulich in Seedorf. Einmal pro Woche zogen die Bauern und Händler des Dorfes in die nahegelegene Stadt Brola, um auf dem dort stattfindenden Markt ihre Waren feilzubieten. Das alles war vorbei, als die schreckliche Krankheit begann, sich auszubreiten. Als ihr immer mehr Menschen zum Opfer fielen und der Heilmeister kein Mittel dagegen fand, hielt der Dorfrat Rat und beschloss, einen Boten zu dieser wunderlichen Frau im Wald im Osten zu schicken, die als geheimnisvolle Heilerin bekannt war. Bardo war der einzige der Kundschafter gewesen, der sich nicht vor dieser Reise fürchtete. Auf Grund der Erfahrungen seines Vaters wusste er ja, dass von dieser Frau keine Gefahr ausging; dessen waren sich die anderen aber nicht so sicher gewesen. Ihnen war diese Frau unheimlich, die da ganz alleine im Wald wohnte und ihre Tränke braute. Einige waren sogar erschrocken darüber, dass es sie tatsächlich gab; sie hatten sie für eine Erfindung der alten Geschichtenerzähler gehalten.

Und so kam es, dass Bardo beauftragt wurde, die alte Frau – alle hielten sie nämlich für alt – aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. Wer hätte gedacht, was sich daraus entwickeln würde. Er hatte nicht nur eine Liebhaberin gefunden, sondern er hatte auch gelernt, seine Kampfkünste im Ernstfall einzusetzen. Leider hatte er auch gelernt, zu töten. Erstaunlich, wie schnell man sich auch daran gewöhnen konnte. Manchmal ging es eben nicht anders, wenn man sein Leben verteidigen musste. Nicht auszudenken, wenn er selber getötet worden wäre. Nicht nur, dass es schade war, tot zu sein, sondern wer hätte dann Hilfe geholt für sein Dorf? Ob Krauta sich wohl alleine auf den Weg gemacht hätte, so ganz ohne ihn? Wahrscheinlich schon. Sie brauchte ihn auf dieser Mission sicherlich weniger als er sie brauchte. Eine erstaunliche Frau war sie auf jeden Fall, aber auch rätselhaft und geheimnisvoll. Und sie konnte zaubern. Davon war Bardo fasziniert. Nie zuvor hatte er einen Zauberer gesehen. Er wusste nur von ihnen aus den Erzählungen seines Vaters. Der war ja der Meinung, dass die vielen Magier in Braccs Diensten es waren, die den Krieg zugunsten von Bracc entschieden hatten. Viel hatte sein Vater aber nicht vom Krieg erzählt. Bardos Mutter wollte nichts davon hören und unterband jedes Mal das Gespräch, wenn die Rede darauf kam.

Bardo stutzte. Irgend etwas stimmte doch da nicht: Wenn Bracc mit Hilfe der Zauberkundigen die Macht an sich gerissen hatte in Tolerland, mussten diese sich doch auch in Tolerland aufhalten, wo denn sonst? Wie war es da möglich, dass er niemals einen zu Gesicht bekommen hatte? Sicherlich, viel herumgekommen war er ja nicht, trotzdem war es doch seltsam, dass es angeblich so viele Magier geben sollte in Tolerland und er noch nie einen gesehen hatte. Und selbst wenn das zufällig vielleicht möglich war, so konnte es doch nicht sein, dass es allen, die er kannte, genauso erging. Irgend jemandem hätte doch irgendwann einmal ein Magier über den Weg laufen müssen. Er wunderte sich, dass er noch niemals darüber nachgedacht hatte. Dass musste er unbedingt mit Krauta besprechen. Vielleicht wusste sie eine Antwort darauf.

Aber er sollte langsam wieder zum Lagerplatz zurückgehen. Lange genug hatte er hier gehockt und gegrübelt und auf das Wasser geschaut. Gerade wollte er sich erheben, da war ihm so, als hätte er am gegenüberliegenden Flussufer eine Bewegung wahrgenommen. Er rührte sich nicht von der Stelle und starrte unverwandt auf den Punkt, wo sich seiner Meinung nach etwas bewegt hatte. Es musste natürlich nichts bedeuten. Vielleicht war es ein Eichhörnchen oder ein Nachtvogel oder sonst etwas Harmloses gewesen. Außerdem befand es sich ja am anderen Ufer, also kein Grund, nervös zu werden. Da! Da war es wieder! Allerdings etwas weiter rechts. Er konnte nichts erkennen außer der Bewegung selber. Doch er hatte das dumme Gefühl, dass es sich um etwas Schlimmeres handelte als um ein ungefährliches kleines Tier. Er beobachtete noch eine ganze Weile die nähere Umgebung der Stelle, wo er die Bewegungen wahrgenommen hatte, aber es war nichts mehr zu sehen.

Mit ganz vorsichtigen, langsamen Bewegungen schlich er zurück zum Lager. Krauta schlief noch. Sollte er sie wecken und ihr von seinen Beobachtungen erzählen? Er ließ es bleiben; es würde reichen, wenn er es ihr bei der Wachablösung mitteilte.

Auch er dehnte seine Wache aus, so wie sie es gemacht hatte. Er wollte keine Schonung, auch wenn sie offensichtlich weniger Schlaf zu brauchen schien als die meisten Menschen. Konzentriert suchte er mit den Augen die Umgebung ab und achtete auf jeden Laut. Aber er konnte nichts Ungewöhnliches sehen oder hören.

»Deine Wache ist zu Ende. Ich löse dich ab.« Plötzlich stand Krauta neben ihm.

»Ich hab da vorhin ne Bewegung gesehen, am anderen Flussufer.«

»Was für eine Bewegung?«

»Irgendetwas hat sich bewegt. Es war kaum zu erkennen. Aber ich bin sicher, dass es was Bedrohliches war.«

»Wie kannst du da sicher sein?«

»Auf jeden Fall war es kein Kleinwild und auch kein Vogel und auch keine Fledermaus. Es war irgendwie eine – wie soll ich sagen – eine große Bewegung, auch wenn ich nichts Konkretes gesehen haben, eben nur die Bewegung. Zweimal war da was, danach konnte ich nichts mehr erkennen.«

Krauta überlegte kurz. »Leg dich schlafen. Ich werde die Augen offen halten und auch mal zum Fluss runtergehen. Vielleicht sehe ich ja auch etwas, was sich bewegt, am anderen Ufer.«

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin