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Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Highland-Rind
Pergament

– 12. Fortsetzung –

Bardo hatte das Gefühl, dass sie sich über ihn lustig machte.

»Glaubst du etwa, ich habe mit das nur eingebildet oder geträumt?« Er sagte das etwas zu laut und zu heftig, aber es war ihm egal. Er war wütend und müde. Er ließ sie stehen, ging zur Feuerstelle, die schon längst aus war, legte sich hin und wickelte sich in seine Decke. Zum Einschlafen war er jetzt zu zornig. Zumindest dachte er das, aber nachdem der erste Zorn verraucht war, fand er sich doch recht bald im Reich der Träume wieder.

Krauta wartete, bis Bardos gleichmäßige Atemzüge ihr verrieten, dass er eingeschlafen war, dann begab sie sich unverzüglich zum Fluss. Eine Weile beobachtete sie das andere Ufer, ohne dass sich etwas ereignete. Da sie nicht einen Augenblick an der Aussage Bardos gezweifelt hatte, spielte sie mit dem Gedanken, hinüber zu rudern, um herauszufinden, was er gesehen haben könnte. Allerdings war das Risiko groß, dass sie dabei entdeckt wurde. Deshalb verwarf sie den Gedanken wieder. Andererseits beunruhigte sie der Gedanke, dass dort jemand sein könnte, der sie spätestens am nächsten Morgen entdecken würde, wenn sie ihre Fahrt fortzusetzen gedachten. Es war immer besser, wenn man wusste, woran man war. Vielleicht sollte sie hinüber schwimmen, dann war die Gefahr nicht so groß, bemerkt zu werden. Um ihre Klamotten nicht noch einmal trocknen zu müssen, legte sie sie ab und glitt leise ins Wasser, so wie die Götter sie geschaffen hatten. Der Mond war in der Zwischenzeit hinter den Bergen verschwunden, so dass es unwahrscheinlich war, dass sie gesehen wurde. Und wenn sie leise genug war, würde man sie auch nicht hören können. Und leise sein konnte sie. Diese Fähigkeit beherrschte sie mindestens so gut wie das Heilen und das Zaubern. Sie hatte in ihrem langen Leben oft genug Situationen erlebt, wo es lebenserhaltend gewesen war, nicht entdeckt zu werden. Diesbezüglich machte sie sich also keine Sorgen, als sie geschmeidig durch das Wasser pflügte, ohne irgendwelche Platsch- oder Spritzgeräusche zu erzeugen. Schwierig konnte es nur werden, wenn sie das andere Ufer erreichte, da sie die Örtlichkeiten dort nicht kannte und vielleicht auf einen Ast trat, den sie übersah, oder etwas Ähnliches die Aufmerksamkeit möglicher Feinde auf sie lenkte.

Als sie aus dem Wasser stieg, war sie deshalb besonders achtsam. Plötzlich meinte sie, Stimmen zu hören. Zunächst war sie sich nicht sicher, aber wenn sie konzentriert horchte, hörte sie etwas. Es klang so, als sei es ganz weit weg; aber es war schwer auszumachen, aus welcher Richtung es kam. Vorsichtig kletterte sie die Böschung hinauf, die hier steiler war als am anderen Ufer, und sah sich um. Sie konnte nichts erkennen; jetzt hätte sie etwas Mondschein gebrauchen können. Langsam ging sie weiter, sorgsam darauf achtend, keine Geräusche zu verursachen, was auf dem unebenen Waldboden selbst für sie nicht ganz einfach war.

Die Stimmen wurden lauter; offenbar war sie in der richtigen Richtung unterwegs. Sie schlich jetzt auf allen vieren vorwärts, denn es war nicht unbedingt nötig, einer möglichen Wache über den Weg zu laufen. Sie kroch immer weiter und meinte dann, die Stelle eigentlich schon erreicht zu haben, von wo sie die Stimmen vermutete, aber es war noch nichts zu sehen. Die Stimmen waren jetzt deutlich lauter, klangen aber immer noch gedämpft. Lautlos bewegte sie sich vorwärts, bis ihr auf einmal so war, als würden die Stimmen wieder leiser werden. Wie konnte das sein? Sie war sich sicher, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Gab es hier vielleicht eine Behausung, die sie übersehen hatte und aus der die Stimmen kamen? Sie machte sich auf den Rückweg und hielt dabei die Augen und Ohren noch mehr offen, falls das überhaupt noch möglich war. Das Stimmengemurmel wurde wieder lauter, bevor es erneut abklang. Krauta traute ihren eigenen Sinnen nicht mehr. Konnte sie sich nicht mehr auf sich selber verlassen? Das Auftauchen der Grünorks konnte sie doch nicht so sehr durcheinander gebracht haben, dass sie sich nicht mehr auf ihre Augen und Ohren verlassen konnte. Sie beschloss, zu Bardo zurückzukehren; es half nichts, hier durch die Dunkelheit zu irren, zumal sie unbewaffnet war. Außerdem war sie splitternackt, und diesen Zustand sollte sie vielleicht doch ändern, bevor es hell wurde.

Sie weckte Bardo, als sie den Lagerplatz erreicht hatte. »Wir müssen aufbrechen.«

Es dauerte einen Moment, bis er zu sich gekommen war. Er rieb sich verschlafen die Augen. »Mitten in der Nacht?!«

»Es wird bald hell, und bis dahin sollten wir weg sein.«

»Warum?«

»Weil da drüben irgendwas ist, aber ich weiß nicht was. Deshalb sollten wir verschwinden, solange es noch dunkel ist.«

Plötzlich war er munter. »Hast du auch was gesehen?«, fragte er neugierig.

»Nein. Aber ich bin hinübergeschwommen und habe Stimmen gehört.«

Bardo starrte sie an. »Du bist bis zum anderen Ufer geschwommen? Was wolltest du denn da?«

Krauta erzählte ihm schnell ihr kleines Abenteuer. Wenige Augenblicke später befanden sie sich bereits wieder auf dem Fluss und paddelten so leise es ging gegen die Strömung an. Als Bardo der Meinung war, dass sie außer Hörweite von wem oder was auch immer waren, fragte er genauer nach. »Kannst du mir das noch einmal erläutern? Du hast Stimmen gehört und weißt nicht, wo sie herkamen?«

»Genau. Ich habe Stimmen gehört und habe keine Ahnung, von wo sie kamen.« Krauta wirkte ein wenig gereizt. »Ich habe auch nicht verstanden, was sie gesagt haben, um deine nächste Frage schon mal im Voraus zu beantworten. Es war ein gedämpftes Stimmengewirr und schien aus dem Innern eines Gebäudes zu kommen. Aber es war kein Gebäude da! Zumindest konnte ich in der Finsternis des Waldes keines ausmachen. Du brauchst mir nicht zu sagen, dass das ziemlich bescheuert klingt; das weiß ich selber!«

Bardo schwieg. Das schien ihm im Moment das Beste zu sein.

Es war trocken. Ein leichter Rückenwind sorgte dafür, dass sie trotz der Finsternis einigermaßen zügig vorankamen. Das Ganze war nicht ganz ungefährlich, da Hindernisse womöglich zu spät wahrgenommen wurden. Es ging jedoch alles gut, und als die Dämmerung einsetzte, konnte Bardo sich wieder an dem Anblick von Krautas Körper ergötzen, da die Sonne sich noch hinter einer Bergkuppe versteckte und ihn somit noch nicht blenden konnte. Er konnte sich einfach nicht satt sehen an ihren anmutigen Bewegungen, wenn sie elegant das Stechpaddel ins Wasser stieß, wie ihre langen braunen Haare leicht im Fahrtwind flatterten, während sie immer wieder zum linken Ufer hinüberblickte. Das ermahnte Bardo, sich von dem schönen Anblick loszureißen, um seinerseits das rechte Flussufer zu beobachten. Die Bäume standen hier wieder dichter, aber jetzt waren die Nadelbäume in der Überzahl. Doch es war Bardo einerlei, ob es Laubbäume oder Nadelbäume waren, die ihm die Sicht versperrten. Wichtig war, das er hin und wieder nach vorne schauen konnte, um sich am Anblick von Krauta zu erfreuen. Aber damit war es vorbei, als die Sonne sich über den Rand der Berge schob und ihm ihr gleißendes Licht entgegenschleuderte, so dass ihm die Augen schmerzten. Nun fiel es ihm leichter, seiner Pflicht nachzukommen und das Ufer zu betrachten.

Hatte da nicht etwas geblitzt? Er meinte, er hätte etwas blitzen sehen zwischen den Bäumen. So, wie es blitzen würde, wenn Sonnenstrahlen auf blank geputztes Metall trafen, zum Beispiel auf Rüstungen oder Waffen. Er war sich aber nicht ganz sicher. Vielleicht hatte er sich auch getäuscht, da die Sonne ihn ja zuvor so heftig geblendet hatte, dass viele kleine schwarze Punkte vor seinen Augen tanzten. Er beschloss, Krauta noch nichts zu sagen, solange er sich nicht sicher war.

Obwohl er versuchte, noch aufmerksamer das Ufer abzusuchen und so weit die Bäume es erlaubten das Gelände dahinter, konnte er nichts Verdächtiges mehr entdecken.

»In ungefähr zwei Stunden werden wir Quelltal erreichen«, sprach Krauta, »wollen wir vorher noch eine kleine Pause einlegen?«

»Nein!« sagte Bardo etwas zu heftig.

Besorgt drehte Krauta sich zu ihm um. »Was ist denn los? Stimmt was nicht?«

»Ich bin mir nicht sicher, doch ich meinte vorhin was blitzen gesehen zu haben. Vielleicht ist da ja nichts, aber ich meine, wir sollten nicht unnötig ein Risiko eingehen. Immerhin hast du letzte Nacht am anderen Ufer Stimmen gehört. Ehrlich gesagt würde ich jetzt lieber nicht an Land gehen.«

»Ich glaube, du hast Recht.« Sie schien enttäuscht zu sein. »Aber warum hast du denn nichts gesagt von deinem Blitzen?«

»Eben weil ich mir nicht sicher war. Ich kann mich ja auch geirrt haben. Schließlich blendet die Sonne ganz schön heute.«

»Trotzdem hättest du es mir sagen müssen. Wir dürfen hier in der Wildnis keine Geheimnisse voreinander haben. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.« Sie machte eine kurze Pause, während sie mit den Augen beide Ufer absuchte. »Wir sollten uns beeilen, damit wir so schnell wie möglich in Quelltal sind.«

Sie beschleunigten erheblich ihre Fahrt, indem sie ihre ganze Kraft in die Paddel fließen ließen. Krauta gab den Takt vor, und Bardo musste sich wohl oder übel anpassen. Er war sich sicher, dieses Tempo nicht lange durchhalten zu können, aber er wollte sein Bestes geben, solange es eben ging. Das Wasser spritzte jetzt stärker zu beiden Seiten des Kanus, wenn die Stechpaddel hektisch hineinstießen. Bardo fiel auf, dass der Fluss rapide schmaler wurde und die beiden Ufer immer näher kamen. Außerdem wurde die Strömung stärker, was es noch anstrengender machte, zügig vorwärts zu kommen. Wenn tatsächlich etwas Bedrohliches von den beiden Ufern oder auch nur von einem ausging, so wurde es jedenfalls immer bedrohlicher, je näher es kam.

»Bücken!« schrie Krauta.

Bardo gehorchte sofort, ohne zu überlegen. Das rettete ihm das Leben, denn im nächsten Augenblick sauste, vom rechten Ufer kommend, ein Pfeil über ihn hinweg, genau da, wo sich kurz zuvor noch sein Kopf befunden hatte. Er fragte sich noch, woher Krauta das gewusste hatte, als schon der nächste Pfeil geflogen kam, aber diesmal aus der anderen Richtung und in einem Bogen über die beiden Paddler und über den ganzen Fluss hinweg zum gegenüber liegenden Ufer, wo ein Schmerzens- und Angstschrei ertönte zur Bestätigung, dass der Pfeil sein Ziel gefunden hatte. Weitere Pfeile kamen geflogen, von beiden Seiten, wobei die von rechts kommenden eindeutig das Kanu zum Ziel hatten, während die von der linken Seite alle am rechten Ufer landeten und dort offenbar für genügend Verwirrung sorgten, um die von dort zu hastig abgefeuerten Geschosse ihr Ziel verfehlen zu lassen.

»Wir müssen nach links!« rief Krauta, »schnell ans Ufer!«

Das linke Ufer war auch Bardo bedeutend lieber im Moment, auch wenn er nicht wusste, was sich dort befand. Jedenfalls wurde von dort nicht auf ihn geschossen, woraus er schloss, dass es zumindest das kleinere Übel war. Tief geduckt in ihrem Boot sitzend steuerten sie auf die linke Böschung zu, während links und rechts von ihnen die Pfeile ins Wasser eintauchten und wahrscheinlich für alle Ewigkeit auf dem Grund des Flusses liegen bleiben würden, wo sie keinen Schaden mehr anrichten konnten.

6 Siergen

Nachdem sie die Böschung erklommen hatten, das Kanu hinter sich her ziehend, stießen sie auf eine Mauer aus großen Schilden. Ungefähr zwanzig bunt bemalte Pavesen standen dicht an dicht und schützten die dahinter stehenden Bogenschützen, die unermüdlich Pfeil auf Pfeil über den Fluss schickten. Kaum waren Krauta und Bardo hinter den Pavesen in Sicherheit, wurde der Beschuss auf einen Befehl hin eingestellt.

Der Befehlsgeber war groß, hatte lange blonde Haare, aus denen spitze Ohren hervorragten, und steckte in einer dunkelgrün gefärbten Lederrüstung. Der Sierg kam auf sie zu und blieb einen Schritt vor ihnen stehen.

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin