Pfeil

Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Landschaft
Pergament

– 13. Fortsetzung –

»Es freut mich, euch unverletzt zu sehen«, begann er, »und da ich möchte, dass das auch in Zukunft so bleibt, müssen wir uns unterhalten.« Er bedeutete, ihm zu folgen und schritt voran, bis sie eine kleine Lichtung erreichten, wo der Boden mit Decken ausgelegt war.

»Setzt euch!« forderte er sie auf. »Es ist zwar nicht sehr komfortabel, aber ich denke, ihr habt euch in den letzten Tagen an Unbequemlichkeiten gewöhnt.«

Bardo zögerte, aber als er sah, dass Krauta sich ohne Umschweife auf ihren süßen Hintern setzte – für den er allerdings im Augenblick keinen Sinn hatte – tat er es ihr gleich.

Der Sierg kam ohne Umschweife und ohne sich vorzustellen zur Sache: »Warum will man euch töten?«

»Wir wissen es nicht«, antwortete Krauta.

»Aber ihr seid doch auf der Flucht. Ihr werdet ja wohl wissen, vor wem ihr auf der Flucht seid.« Sein Gesichtsausdruck – eben noch, wenn nicht freundlich, so zumindest doch neutral – verhärtete sich und nahm fast feindselige Züge an. Offenbar liebte er es nicht, belogen zu werden. Krauta lächelte ihn entwaffnend an, was Bardo fassungslos zur Kenntnis nahm. Wie konnte sie bloß in dieser Situation so gelassen bleiben, noch dazu mitten unter einer Horde Siergen?

Weit oben krächzte ein Rabe.

»Eigentlich sind wir nicht auf der Flucht«, bemerkte sie, »zumindest ist das nicht der Grund unserer Reise.«

»Und was ist der Grund eurer Reise?«

»Wir wollen jemanden besuchen.«

»Soso, jemanden besuchen also.« Er schwieg, stützte sein Kinn auf seine gefalteten Hände und sah beide nacheinander lange an.

Dann sprach er. Langsam und wohlüberlegt, und auch ein bisschen bedrohlich, wie Bardo fand.

»Es geht mich natürlich nichts an, wann ihr wohin durch die Gegend reist. Jedenfalls nicht unter normalen Umständen. Aber die Umstände sind zur Zeit nicht normal. Ich weiß nicht, warum man euch aus dem Weg räumen will; es wird jedoch seinen Grund haben. Ich weiß nur, dass große Dinge in Vorbereitung sind, und diese Dinge sind nicht gut, ganz und gar nicht gut. Und so wie es aussieht, scheint ihr dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Und ich möchte jetzt endlich wissen, was das für eine Rolle ist, damit ich nicht in die Versuchung komme, euch wieder auf den Fluss zu schicken und zusehen muss, wie ihr von Pfeilen gespickt werdet.«

Krauta sah ihm jetzt direkt in die Augen. Sie lächelte nicht mehr. Der Sierg erwiderte zwar ihren Blick, aber aus seinem Gesicht schien langsam die Selbstsicherheit zusammen mit der Farbe zu entweichen. Krauta ließ sich Zeit, bevor sie endlich zu sprechen begann: »Bevor wir uns euch anvertrauen, müssen wir erst wissen, wer ihr seid und warum ihr hier seid. Ihr habt doch eure ferne Heimat nicht verlassen, nur um uns das Leben zu retten. Zumal ihr angeblich gar nicht wisst, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir wollen.« Sie machte eine kurze Pause, hielt aber den Blick die ganze Zeit starr auf die Augen des Siergen gerichtet, der unbeweglich dasaß und nicht in der Lage zu sein schien, sich von diesem Blick zu befreien. Bardo fühlte sich immer unbehaglicher. Was würde der Sierg tun, wenn Krauta den magischen Blick beendete? Denn dass es Magie war, dessen war er sich sicher.

Krauta sprach weiter: »Ich versichere dir, dass wir in einer eigentlich harmlosen Mission unterwegs sind und nicht den Hauch einer Ahnung haben, warum uns zunächst Menschen mit Äxten angreifen, dann Grünorks mit Krummschwertern über uns herfallen und jetzt irgendwelche Bogenschützen einen Pfeilregen auf uns hernieder gehen lassen. Ich habe den Eindruck, dass du besser Bescheid weißt als wir. Du hast von etwas Großem gesprochen – nun, davon wissen wir nichts, jedenfalls bisher nicht. Möglicherweise sind wir tatsächlich darin verwickelt, ohne es zu wissen. Ich schlage vor, dass du uns zuerst etwas erzählst, und wenn wir dann der Ansicht sind, dass wir dir vertrauen können, werden wir dir auch etwas erzählen. Aber erwarte nicht zuviel, wir wissen tatsächlich kaum etwas von dieser seltsamen Geschichte.«

Gegen Ende von Krautas Rede entspannte sich das Gesicht des Siergen langsam wieder, wirkte einen Moment erstaunt und bekam dann wieder seinen selbstsicheren Ausdruck. Offenbar hatte Krauta die Magie nach und nach gelöst. Bardo war gespannt auf die Reaktion des Siergen. Doch der reagierte erst mal gar nicht, sondern saß nur schweigend da, als wäre nichts geschehen. Hatte der vielleicht gar nicht bemerkt, dass er sich in den magischen Fängen einer Zauberin befunden hatte? Das konnte Bardo sich kaum vorstellen, hoffte es aber dennoch.

Er sah sich unauffällig um. Sie waren ganz allein auf dieser Lichtung; offenbar hatte der Sierg nicht die Befürchtung, dass von Krauta oder Bardo eine Gefahr ausgehen könnte. Das zumindest war beruhigend.

»Also gut«, begann der Sierg endlich zu sprechen, »gehen wir einmal davon aus, dass ihr tatsächlich keine Ahnung habt, was ich mir zwar kaum vorstellen kann, aber wie gesagt, gehen wir erst mal davon aus.«

Ein leichter Wind suchte sich seinen Weg durch die Bäume und ließ Bardo frösteln. Es kam ihm so vor, als würde die Luft kälter werden.

Der Sierg sprach weiter. Er sprach langsam und bedächtig. »Wir sind hier, weil der König von Kirlana uns hat rufen lassen, um sein Land im wahrscheinlich bald beginnenden Krieg zu unterstützen.«

»Was?«, platzte es aus Bardo heraus, »was denn für ein Krieg? Gegen wen will denn Kirlana in den Krieg ziehen? Das kann doch nicht sein!«

Der Sierg sah ihn mitleidig an und sprach dann weiter. »König Ylam hat keineswegs die Absicht, einen Krieg anzufangen. Das habe ich auch nicht gesagt. Aber es deutet vieles darauf hin, dass es bald Krieg geben wird, und dann wird Kirlana sich verteidigen müssen. Kirlana ist kein großes Land und hat nicht all zu viele Einwohner und erst recht keine große Streitmacht. Darum hat Ylam keine andere Wahl, als Söldner anzuwerben. Außer uns Siergen aus dem fernen Süden hat er auch ein großes Zwergenheer aus Twercland im Nordosten angeworben. Sie werden hoffentlich in einigen Tagen eintreffen.«

»Wenn das tatsächlich so ist«, warf Krauta ein, »wie kommt es dann, dass wir davon nichts wissen. Wir sind doch erst gut zwei Tage unterwegs. In so kurzer Zeit kann doch nicht so viel passiert sein, dass plötzlich ein Krieg bevorsteht. Erzähl uns doch bitte, wer gegen wen kämpfen wird und vor allen Dingen warum.«

Wenn da ein leicht spöttischer Unterton durchklang, bemerkte ihn der Sierg nicht; vielleicht hatte Krauta auch wieder mit ihrem Blick nachgeholfen.

»Ich will euch sagen, von wem der Krieg ausgehen wird. Es ist euer König Bracc, der schon seit Jahren die Vorbereitungen dazu trifft. Er hat offenbar die Absicht, nach und nach alle Völker von Grünwelt zu unterwerfen und zu beherrschen. Wir wissen nicht genau, was er plant, gehen aber davon aus, dass er mit Kirlana anfangen wird.«

»Aber warum? Was hat er davon?« Bardo mochte es nicht glauben.

»Er giert nach Macht. Seit er diese in Tolerland übernommen und von ihr gekostet hat, kann er nicht genug davon bekommen. König Ylam von Kirlana hat von Anfang an dem Frieden nicht getraut und die ganzen Jahre Spione und Späher ausgeschickt. Darum wusste er sehr früh von den Plänen Braccs, die mit der Zeit immer konkreter und auch bedrohlicher wurden. Und jetzt ist es gewiss, dass er bald losschlagen wird. Seine teuflischen Experimente sind abgeschlossen, die Streitmächte der Grünorks und Schwarzorks sind unterwegs, und – das Bedrohlichste – seine dunklen Magier sind wieder bereit, bis über beide Ohren mit Zauberkraft gefüllt.«

»Nun«, meinte Krauta ruhig, »die Grünorks sind ja nun bereits da. Aber was sind das für Experimente, von denen du gesprochen hast?«

Der Sierg lächelte, aber es war ein ernstes, freudloses Lächeln. »Ich denke, ihr seid jetzt an der Reihe, mir etwas mehr zu erzählen. Und zwar alles, was ihr wisst. Sollte ich anschließend nicht ganz sicher sein, dass ihr mir auch nichts verheimlicht, werde ich euch gefangen nehmen lassen. Ihr werdet sicher verstehen, dass ich kein Risiko eingehen kann in dieser besonderen Situation.«

Er hob kurz den Arm, und ringsherum aus den Bäumen traten insgesamt zwanzig Siergen auf die Lichtung und bildeten einen Kreis um die Sitzgruppe, zehn Bogenschützen und zehn Schwertkämpfer. Bardo wunderte sich, dass er die zuvor nicht gesehen hatte. Sie mussten sich ja die ganze Zeit zwischen den Bäumen am Rand der Lichtung aufgehalten haben. Er sah Krauta fragend an, in der Annahme, dass sie das Wort ergreifen würde. Da sie aber keine Anstalten machte, fing er an zu erzählen.

»Die Geschichte ist ganz schnell erzählt«, begann er, »in dem Dorf, in dem ich wohne, ist eine seltsame Krankheit ausgebrochen, gegen die unser Heilmeister kein Mittel hat. Da hat man mich losgeschickt, um von der Kräuterfrau hier an meiner Seite Hilfe zu erbitten. Sie weiß aber auch nicht, wie man gegen diese Krankheit vorgehen kann, und deshalb sind wir auf dem Weg zu einer Berufskollegin von ihr.« Er blickte kurz zu Krauta hinüber, um sich zu vergewissern, ob es auch in ihrem Sinn war, was er da machte, aber sie nickte ihm aufmunternd zu. »Diese Kollegin heißt Marinda und wohnt im Silbernen Bergwald. Unterwegs sind wir ein paar Mal angegriffen worden, wie Krauta ja schon erwähnt hat. Das ist alles, mehr haben wir nicht zu berichten. Wenn das nicht genügt und du meinst, uns gefangen nehmen zu müssen, dann ist es eben nicht zu ändern.«

Der Sierg sah ihn lange forschend an. Offenbar versuchte er, in Bardos Gesicht zu lesen, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Dann schaute er kurz zu Krauta hinüber, wandte den Blick aber gleich wieder ab, so als fürchte er sich. Und wenn er sich auch nicht fürchtete, so war es ihm zumindest unangenehm, ihrem Blick ausgesetzt zu sein. Er schaute nach oben, als könnte er in dem blauen Himmel die Wahrheit finden, stand dann auf und ging ein paar Mal hin und her, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

»Ich spüre, dass in deiner Geschichte etwas fehlt«, sprach er dann, »das ist sehr schade, denn nun muss ich euch die Freiheit nehmen.«

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin