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Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Keramik
Pergament

– 14. Fortsetzung –

Als er gerade ansetzte, seinen Leuten einen entsprechenden Befehl zu erteilen, fuhr Krauta dazwischen.

»Halt!« rief sie, »warte! Was Bardo deiner Meinung nach weggelassen hat, hat nicht unmittelbar etwas mit unserer Reise zu tun. Er hat es nicht weggelassen, um es vor dir zu verheimlichen, sondern hielt es nur nicht für wichtig.«

Das stimmte nicht. Wenn Krauta das Gleiche meinte wie er, dann hatte er es einzig und allein deswegen weggelassen, um es vor dem Sierg zu verheimlichen. Zwar gehörte das nicht zu der Geschichte dazu, aber es war ihm während des Erzählens durch den Kopf gegangen. Das hatte der Sierg offenbar gemerkt. Und Krauta auch. Bardo sparte sich die Mühe, darüber nachzudenken, wie sie das machten. Es beunruhigte ihn nur, dass auch der Sierg anscheinend ähnliche Fähigkeiten zu haben schien wie Krauta sie hatte.

Krauta sprach schnell weiter: »Ich werde den Teil erzählen, den er weggelassen hat – wenn du erlaubtst.«

Der Sierg nickte, während Bardo es nicht glauben konnte, dass Krauta einem Wildfremden von dem verborgenen Dorf erzählen wollte. Wie war das möglich? So leichtsinnig konnte sie doch nicht sein. Oder war das tatsächlich die einzige Möglichkeit, der Gefangennahme zu entgehen? Er ärgerte sich, dass er nicht Krauta die Berichterstattung überlassen hatte. Dann wäre bestimmt alles glatt gegangen. Aber vielleicht wollte sie dem Sierg ja auch etwas anderes auftischen. Vielleicht gelang es ihr ja wieder, ihn einzulullen und ihm irgendeinen Unsinn zu erzählen. Wenn das dann allerdings nicht gut ging – Bardo mochte gar nicht daran denken, was die Siergen dann mit ihnen machen würden.

»Wir mussten uns Vorräte für die Fahrt besorgen.« Ihre Stimme klang jetzt ganz ruhig. Es schien ihr nichts auszumachen, dass sie gerade dabei war, ein so brisantes Geheimnis preiszugeben. »Da die Zeit drängte, haben wir das im verborgenen Dorf getan. Bardo kannte dieses Dorf noch nicht; deshalb war das ein besonderes Erlebnis für ihn. Und das ist ihm durch den Kopf gegangen, als er dir Bericht erstattet hat. Das ist alles.«

»Ich glaube dir in sofern, dass es das war, was dein junger Freund weggelassen hat. Ich bin mir aber auch sicher, dass er es bewusst nicht erwähnt hat, weil er das Geheimnis dieses verborgenen Dorfes nicht preisgeben wollte, in der Annahme, dass ich es nicht kenne. Das kann ich aber akzeptieren und bin nun bereit, euch mitzuteilen, wer wir sind und was wir hier genau tun. Mein Name ist Larisul, und ich befehlige diesen Spähtrupp. Wir stehen – wie ich ja schon erwähnte – im Dienst von König Ylam von Kirlana. Unsere Aufgabe ist es, auszukundschaften, wieweit Bracc mit seinen Kriegsvorbereitungen ist, was er genau vorhat und wann er voraussichtlich losschlagen wird.«

Er setzte sich wieder hin und schaute Bardo und Krauta an.

»Auch wenn es vielleicht nicht den Anschein hat, aber dass wir genau in dem Moment hier waren, in dem ihr in Bedrängnis geraten seid, ist reiner Zufall gewesen. Euer Glück – wenn man es so nennen will – hat natürlich für uns einen Haken: Auf Grund unseres Eingreifens wissen unsere Feinde nun, dass wir hier sind, auch wenn sie vielleicht noch nicht wissen, wer und was wir sind. Auf jeden Fall wird es jetzt für uns schwieriger, unbemerkt Erkundigungen einzuziehen.« Er machte eine kurze Pause und fügte dann leise hinzu: »Ich hoffe, ihr wisst das zu würdigen.«

Bardo schaute betreten vor sich auf den Boden, während Krauta das Wort ergriff. »Es tut uns unendlich Leid, dass es wegen uns nun schwieriger für euch geworden ist, eure Aufgaben zu erfüllen. Wir bedanken uns aber für eure Hilfe und hoffen, es irgendwann wieder gutmachen zu können, auch wenn das eher unwahrscheinlich ist. Doch jetzt ist es an der Zeit, dir mitzuteilen, wen du vor dir hast. Ich bin Krauta, die Kräuterfrau aus dem Wald, und das ist Bardo, Kundschafter und Bote aus Seedorf am Diamantenen See. Was uns hierher führt, haben wir dir ja schon mitgeteilt. Zwei Fragen habe ich noch an dich: Was sind das für Experimente, von denen zu gesprochen hast, und wer hat uns vorhin beschossen?

»Auf euch geschossen haben Braccs Soldaten. Wahrscheinlich ein Spezialtrupp für besondere Aufgaben. Von den Experimenten wissen wir selber zu wenig. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Krankheit in eurem Dorf auch die Folge eines dieser Versuche ist. Da wir das aber nicht genau wissen, halte ich es für richtig, wenn ihr diese Dame im Silbernen Bergwald aufsucht. Vielleicht kann sie ja helfen.« Sehr zuversichtlich klang das nicht. Er erhob sich wieder, gab seinen Kriegern ein Zeichen, worauf sich diese zurückzogen, und ging wieder hin und her, die Hände auf dem Rücken.

»Es geht allmählich auf Mittag zu, würdet ihr uns die Freude machen, gemeinsam mit uns zu speisen, bevor ihr weiterzieht?«

»Das machen wir gerne«, beeilte sich Krauta zu sagen, bevor Bardo dazu kam, dankend abzulehnen. Er wollte protestieren, aber Krauta legte ihm beruhigend ihre Hand auf seinen Oberschenkel, und er hielt sich zurück. Dabei hatte er absolut keinen Appetit. Der war ihm gehörig vergangen nach all den schlechten Nachrichten.

»Wartet bitte hier!« Larisul verschwand zwischen den Bäumen und ließ die beiden allein.

Eine Weile schwiegen sie; dann ergriff Bardo das Wort. »Ob das stimmt? Das mit dem Krieg? Es kann doch nicht sein, dass wir davon gar nichts mitbekommen haben.«

»Ich bin davon überzeugt, dass er uns keinen Unsinn erzählt hat«, erwiderte Krauta. »Und wenn Seedorf ein Ziel der Experimente war, wird Bracc schon dafür gesorgt haben, dass dort keine Informationen ankommen. Das würde erklären, weshalb du keine Ahnung davon gehabt hast.«

»Aber du hast doch auch nichts gewusst«, wandte Bardo ein.

»Wenn man mitten in der Wildnis wohnt, muss man sich damit abfinden, nicht ständig auf dem neuesten Stand der Nachrichten zu sein«, erwiderte sie, »in dem verborgenen Dorf war ja auch nichts von einem bevorstehenden Krieg bekannt, jedenfalls nicht bis vor ein paar Tagen.«

»Dieses verborgene Dorf«, nahm Bardo den Faden auf, »was hat das eigentlich auf sich? Wozu gibt es das? Warum wohnen diese Leute dort im Verborgenen? Was bezwecken Sie?«

»Dies ist nicht der geeignete Ort und der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen«, wich sie aus, »aber du sollst erfahren, was es damit auf sich hat, sobald ich es für richtig halte.«

...

Während des Mahls – es gab Pökelfleisch und Trockenfrüchte – wurde wenig geredet. Aber im Anschluss wurde die Gesamtsituation noch einmal ausführlich erörtert.

»Ihr werdet den Rest des Weges bis Quelltal zu Fuß laufen müssen; auf dem Fluss ist es zu gefährlich«, sagte Larisul.

Das war Krauta und Bardo sowieso klar gewesen; er hätte es nicht unbedingt erwähnen müssen.

»Was werdet ihr mit dem Boot machen?«, fragte er, »wenn ihr es hier zurücklasst, könnt ihr glaube ich davon ausgehen, dass es nicht mehr da ist, wenn ihr zurückkommt.«

»Eigentlich wollten wir es in Quelltal deponieren«, antwortete Krauta, »aber wenn wir es ganz dahin schleppen, verlieren wir wieder wertvolle Zeit. Wir werden es wohl doch riskieren müssen, es hier liegen zu lassen.«

»Nein«, widersprach Larisul, »stellt euch vor, es ist verschwunden, wenn ihr auf dem Rückweg seid. Wie viel Zeit würdet ihr erst verlieren, falls ihr den ganzen Weg zurück laufen müsstet. Ich mache euch einen Vorschlag: Da ihr durch uns wertvolle Zeit verloren habt, gebe ich euch drei kräftige Männer mit, die euch helfen werden, dass Boot bis Quelltal zu befördern. Danach müsst ihr aber wieder alleine zurechtkommen.«

»Das ist nett von dir, doch das können wir nicht annehmen. Wenn du uns nicht unsere Zeit gestohlen hättest, wären wir gar nicht mehr am Leben. Was hätten wir dann mit einem Kanu anfangen sollen?«

Larisul lachte. »Da hast du wohl Recht. Trotzdem bleibt es dabei. Die Sache ist möglicherweise zu wichtig, um unnötig Zeit zu vergeuden oder sich einen Kahn klauen zu lassen.«

7 Quelltal

Quelltal war größer als Bardo es sich vorgestellt hatte, viel größer als Seedorf. Es lag – wie der Name ja schon vermuten ließ – eingebettet in einem schönen, fast kreisrunden Tal, dessen steile Hänge dichtbewachsen waren mit Bäumen und Sträuchern aller Formen und Farben. Für Bardos Verständnis war es schon bald eher eine Stadt als ein Dorf; nur die Stadtmauer fehlte. Die meisten Häuser waren aus Sandstein gebaut, aber es gab auch einige Holzhäuser dazwischen. Krauta und Bardo hatten beschlossen, die Nacht in Quelltal zu verbringen. Eigentlich wollten sie sich ja nicht lange aufhalten und sofort weiterziehen, aber der Fußmarsch durch den unwegsamen Wald hatte länger als erwartet gedauert und war anstrengend und schweißtreibend gewesen, trotz des für die Jahreszeit zu kühlen Wetters. Als sie endlich einen Krämer gefunden hatten, bei dem sie ihr Boot lassen konnten, war es bereits später Nachmittag. Sie verabschiedeten sich von den drei Siergen, nachdem diese die Einladung auf einen Becher Blauwein oder Schwarzbier dankend abgelehnt hatten, und schlenderten durch die Gassen von Quelltal auf der Suche nach einer Unterkunft, beide mit einem riesigen Rucksack auf dem Rücken, die sie bei eben dem Händler erworben hatten, bei dem ihr Kanu nun weilte.

»Suchst du ein bestimmtes Gasthaus oder nur irgendeines?« erkundigte sich Bardo, dem die Lauferei ein wenig zu lange dauerte und dem die Füße schmerzten und dem der Rücken weh tat wegen der ungewohnten Last. Krauta hatte darauf bestanden, dass sie noch zusätzliche Vorräte kauften und noch weitere Dinge, deren Sinn sich Bardo nicht erschloss, unter anderem ein riesiges Stück Leinen. Sie war der Meinung, dass man aufgrund des möglicherweise bevorstehenden Krieges auf alles vorbereitet sein müsse. Bardo fand, das sei übertrieben. Sie hatten außerdem einen großen Vorrat Pfeile gekauft bei dem ortsansässigen Bogner. Krauta hatte alles bezahlt, den zaghaften Protest Bardos ignorierend. Er hätte ohnehin nicht genug Geld gehabt; ihr Münzvorrat dagegen schien unerschöpflich zu sein. Woher mochte sie so viel Geld haben? Bardo beschloss, sich auch darüber nicht zu wundern, hielt stattdessen nach einer Waffenschmiede Ausschau. Wenn es einen Bogner im Dorf gab, könnte es ja durchaus sein, dass es auch einen Waffenschmied gab. Denn abgesehen davon, ob es nun Krieg gab oder nicht, waren auf jeden Fall die Gefahren größer und vielfältiger, als zu Beginn der Reise abzusehen. Mit einem Schwert würde er sich besser fühlen, obwohl er sich keins leisten konnte, und er fürchtete, dass dafür selbst Krautas Münzvorrat nicht ausreichen würde.

»Da drüben ist es schon.« Krauta zeigte auf ein hübsches Fachwerkhäuschen mit einer großen Eingangstür. Es fiel sofort ins Auge, da es das einzige Fachwerkhaus weit und breit war. »Das runde Fass« prangte in großen Lettern auf einem Schild über der Tür.

»Kann man da auch übernachten?« fragte Bardo skeptisch.

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin