Pfeil

Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Wolf Mond
Pergament

– 16. Fortsetzung –

»Ist das denn wirklich nötig?«

»Ich hatte gesagt keine Fragen!« Sie stand auf und griff nach ihrem Rucksack. Laut sagte sie: »Lass uns schlafen gehen, ich bin müde, und du siehst auch nicht gerade aus, als könntest du heute noch Bäume ausreißen.«

Bardo tat so, als würde er widerwillig gehorchen, und nahm ebenfalls seinen Rucksack. Gemeinsam stiefelten sie die Treppe hinter dem Schankraum hinauf. Aus dem Augenwinkel sah Bardo, dass der alte Mann wieder an seinem Tisch in der Ecke saß.

In der Kammer angekommen, verriegelte Krauta die Tür und öffnete vorsichtig den Fensterladen.

»Kannst du mir mal verraten, was los ist?« Auch wenn sie in Gefahr sein sollten, was sie ja sowieso die ganze Zeit waren, wurde ihm das jetzt hier doch ein wenig zu ungemütlich. Obwohl er trotz seiner Bierseligkeit nicht daran zweifelte, dass Krauta das Richtige tat, gefiel es ihm trotzdem nicht. Zu sehr hatte er das Bedürfnis nach Schlaf.

»Man ist uns auf den Fersen!«, flüsterte Krauta, »Elina hat mich gewarnt. Und der alte Mann ist auch wieder da. Ich bin sicher, dass er etwas damit zu tun hat.« Sie spähte aus dem Fenster und versuchte abzuschätzen, wie gefährlich es sein würde, hinunter zu springen. Aber dicke Wolken hatten ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht und sich vor Mond und Sterne geschoben, so dass es stockdunkel war und sie nichts erkennen konnte.

»Ich weiß nicht, wie tief es ist und wie der Boden beschaffen ist, aber wir müssen es versuchen«, meinte sie.

Bardo zwängte sich neben sie und sah ebenfalls nach unten. Auch er sah absolut nichts.

»Ich springe aber nicht gerne, wenn ich nicht sehen kann, wohin. Man kann nicht wissen, was uns da unten erwartet. Da kann doch alles mögliche sein. Vielleicht werden wir von einem Speer aufgespießt, der dort zufällig in der Erde steckt, oder landen in einem Misthaufen.«

»Ein Misthaufen wäre zwar nicht das Schlimmste, aber du hast trotzdem recht, es ist zu gefährlich, einfach so ins Dunkle hineinzuspringen. Es nützt nichts, wir werden wohl das Seil opfern müssen, das wir heute erst gekauft haben, um daran hinabzuklettern. Wir können es dann leider nicht mitnehmen.«

»Vielleicht doch«, erwiderte Bardo, »wenn du zuerst nach unten kletterst, siehst du ja, wie der Boden beschaffen ist; kannst möglicherweise gefährliche Hindernisse beiseite räumen, damit ich springen kann. Dann kann ich das Seil vorher lösen – aber erst müssen wir es befestigen.« Er sah sich in der dunklen Kammer um, entdeckte aber nichts, an das man ein Seil binden und das außerdem das Gewicht eines Menschen tragen konnte. Inzwischen hatte Krauta das Seil aus ihrem Rucksack hervorgekramt.

»Ich werde es halten«, sprach er, band sich das eine Ende um seinen Bauch und ließ das andere aus dem Fenster nach unten gleiten. Im nächsten Augenblick kletterte Krauta auch schon behände daran nach unten. Kaum hatte die Dunkelheit sie verschluckt, hörte Bardo schwere Schritte auf der Treppe. Jetzt wird es eng, dachte er, hoffentlich ist sie bald unten. Da klopfte es auch schon an die Tür.

»Aufmachen!« rief eine barsche Stimme, »im Namen des Königs!«

Das Seil wurde locker. Entweder war Krauta schon unten angekommen oder sie hatte das Rufen gehört und einfach losgelassen und dabei das Risiko in Kauf genommen, sich zu verletzen.

Bardo befreite sich von dem Seil und warf es hinunter. Sollte er springen? Er hörte Stiefel gegen die Tür treten. Lange würde sie nicht mehr standhalten. Wenn er nicht bald sprang, würden sie ihn erwischen, und da er keine Ahnung hatte, wie viele Gegner dort hinter der Tür warteten, konnte er es nicht auf einen Kampf ankommen lassen. Eine Wolkenlücke ermöglichte es dem Mond, etwas Licht zu spenden, gerade als Bardo springen wollte. Im letzten Moment sah er noch die beiden Rucksäcke neben dem Fenster stehen, die er in der Aufregung fast vergessen hätte. Er warf sie rasch nach unten und war im Begriff, hinterher zu springen, da sah er den Baum. Die äußeren Zweige waren gut drei Schritte von ihm entfernt, eher mehr. Er hockte sich ins Fenster, stieß sich mit den Füßen vom Fensterrahmen ab und hechtete auf den Baum zu in der Hoffnung, irgendwie Halt zu finden, anstatt daneben zu greifen und in die Tiefe zu stürzen. Blätter und Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Er packte mit beiden Händen einen Zweig, der viel zu dünn war, erst nachgab und dann abbrach. Auf dem Weg nach unten machte er sich Gedanken, wie er mit gebrochenen Beinen vor den Schergen des Königs fliehen sollte und kam zu dem Schluss, dass dieses nicht möglich sei. Später wunderte er sich darüber, dass man in so kurzer Zeit so viel denken konnte. Mit geschlossenen Augen wartete er auf den Aufprall, aber er wurde aufgehalten. Er prallte mit dem Hintern auf eine Astgabel, was ihm einen blauen Fleck bescheren würde, doch dass interessierte ihn im Moment nicht. Er kletterte vorsichtig weiter in den Baum hinein, in der Hoffnung, dass das dichte Blätterwerk ihn vor den Blicken der Soldaten schützen möge. Der Mond schlug sich auf seine Seite und verschwand wieder hinter dunklen Wolken, so dass erneut absolute Finsternis herrschte. Aber nicht lange: Als er in die Richtung der Kammer schaute, war diese plötzlich hell erleuchtet vom Fackelschein seiner Verfolger. Bardo hörte, wie sie laut fluchten. Zwei Köpfe erschienen am Fenster und spähten nach unten. Bardo erschrak, als eine Fackel hinunter geworfen wurde. Jetzt würden sie Krauta erblicken oder zumindest die beiden Rucksäcke. Doch es war nichts zu sehen.

»Los! Hinterher! Sie können noch nicht weit sein!«

Bardo war froh, dass sich keiner der Soldaten traute, einfach aus dem Fenster zu springen. Jede Minute, die sie länger brauchten, verschaffte Krauta einen größeren Vorsprung. Er fragte sich, wie sie so schnell die beiden Rücksäcke hatte wegschaffen können. Aber sie konnte sie unmöglich beide auf ihrer Flucht mitschleppen. Je konkreter er da oben in seinem Baum über die Situation nachdachte, um so klarer wurde ihm, dass Krauta kaum eine Chance hatte, zu entkommen. Was würden sie mit ihr machen, wenn sie sie erwischten? Und was wurde aus ihm? Er konnte ja nicht ewig in dem Baum hocken bleiben. Auf jeden Fall musste er verschwunden sein, bevor der Morgen graute. Und dann musste er Krauta suchen – falls sie sie doch nicht zu fassen bekamen. Schwere Stiefel waren zu hören, dann bogen fünf Bewaffnete um die Hausecke und suchten mit Fackeln zunächst das Gelände hinter dem Haus ab, fanden aber nichts, und sie entdeckten auch Bardo nicht, der sich nicht traute, auch nur mit der Wimper zu zucken. Es war seltsam, dass sie gar nicht auf die Idee kamen, dass sich jemand in dem Baum verstecken könnte, aber der Stamm war bis zur Krone glatt und kahl, so dass man nicht ohne Weiteres annehmen konnte, dass da jemand hinaufgeklettert sei, und das war er ja auch nicht.

»Hier ist nichts, nehmen wir die Verfolgung auf. Wir versuchen es zuerst auf der Straße nach Osten, das ist die Richtung, in der sie eigentlich unterwegs sind. Lasst uns die Pferde holen.«

Bardo wartete noch eine ganze Weile, bevor er langsam vom Baum kletterte. Er wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Vielleicht war es das Beste, wenn er versuchte, sich alleine bis zur Grenze durchzuschlagen. Aber ohne Proviant und ohne Ausrüstung - er hatte noch nicht einmal Feuersteine, geschweige denn seinen Bogen; eigentlich hatte er nur die Kleidung, die er am Leib trug einschließlich seines Messer – war das ein schwieriges Unterfangen. Außerdem bestand die Gefahr, dass er Krautas Verfolgern in die Arme lief. Vielleicht wusste Elina Rat, die Wirtin. Immerhin war sie hier zu Hause.

Er schlich um das Gebäude herum und suchte sich einen Platz seitlich des Hauses, von wo er den Eingang beobachten konnte, ohne selber gesehen zu werden. Als der letzte Gast gegangen war, wartete er noch eine Weile und ging dann zur Eingangstür. Sie war verschlossen. Er klopfte leise und wartete. Nichts passierte. Er klopfte noch einmal. Schritte näherten sich der Tür.

»Wer ist da?« Es war Elinas Stimme. Er atmete auf.

»Bardo«, antwortete er nicht zu laut, aber Elina hatte gute Ohren, ließ ihn hinein, spähte noch einmal auf die Straße, schloss die Tür und schob den schweren Riegel vor.

»Bei den Göttern! Wo kommt du denn auf einmal her? Ich dachte, ihr beide seid längst über alle Berge!«

»Die Soldaten waren zu schnell da; ich konnte mich gerade noch verstecken. Wo Krauta ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, sie konnte entkommen.«

»Mach dir um Krauta keine Sorgen. So leicht lässt sie sich nicht einfangen. Aber was machen wir mit dir?«

»Das ist ja das Problem. Ich habe keine Ahnung. Wenn ich wenigstens meinen Rucksack hätte, dann könnte ich mich auf den Weg machen und versuchen, sie einzuholen, aber völlig ohne Proviant und Waffen rechne ich mir keine Chancen aus, in der Wildnis zu überleben.«

»Wo ist denn dein Gepäck?«

»Ich habe beide Rucksäcke aus dem Fenster geworfen. Doch als die Häscher des Königs kamen, waren sie verschwunden, nur wenige Sekunden später.«

»War Krauta da schon weg?

»Sie war nach unten geklettert, unmittelbar vorher.«

Elina schmunzelte. »Ja, Krauta kann verdammt schnell sein. Aber dass sie mit zwei schweren Rucksäcken unterwegs ist, dass glaube ich nicht. Vielleicht ist sie noch in der Nähe. Es ist euer Glück, dass die Soldaten keine Hunde dabei haben. Naja, wie dem auch sei, es ist wohl am besten, wenn du erst mal hier bleibst.«

»Meinst du, dass das eine gute Idee ist? Die kommen doch bestimmt irgendwann zurück.«

»Zurück kommen sie vielleicht, doch sie werden sich nicht denken können, dass du dich hier noch aufhältst, schon gar nicht, dass du dich in meiner Kammer befindest.«

»In deiner Kammer?« Bardo staunte und schluckte. »Du weißt anscheinend nicht, in was für eine Gefahr du dich begibst.«

»Oh – bist du so gefährlich? Das hätte ich gar nicht gedacht. Ich fange an, mich zu fürchten.« Ihr schelmisches Lächeln bekräftigte diese Behauptung nicht gerade.

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin