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Fantasy-Roman „Fantasy“ Teil 2

Der zweite Teil des Romans. Zum ersten Teil geht es hier ...

Pergament

Fantasy Teil 2

– 8. Fortsetzung –

Da die Taverne recht gut besucht war, verzichtete er darauf, Krauta nach diesen Dingen zu fragen. So etwas besprach man besser ohne Zuhörer. Sie würden in den nächsten Tagen Zeit genug haben, sich über diese Angelegenheiten zu unterhalten. Irgendwie verspürte er nur den Wunsch, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Es war alles zu seltsam.

»Sollten wir nicht allmählich aufbrechen, damit wir im Hellen zurück sind?« fragte er sie.

Sie lächelte ihn spitzbübisch an. »Fürchtest du dich im Dunkeln?«

»Normalerweise nicht, aber nach den heutigen Erlebnissen würde ich lieber bei Tageslicht durch den Wald laufen«, antwortete er ehrlich.

»Du hast recht, einen Becher Schwarzbier trinken wir noch, und dann gehen wir nach Hause.«

Auf dem Rückweg sprachen sie kaum ein Wort, sondern sperrten Augen und Ohren auf, um nicht von dem dritten Meuchelmörder überrascht zu werden, der ihnen möglicherweise noch auflauerte. Als sie an der Stelle vorbeikamen, wo sie die beiden Leichen zurückgelassen hatten, stellte Bardo fest, dass diese bereits weggeschafft worden waren. Krauta hatte Wort gehalten.

Ungefähr zweihundert Schritte vor Krautas Heim trennten sie sich, verließen den Pfad und schlichen jeder in einem großen Halbkreis auf die Behausung zu, Krauta links, Bardo rechts; sie wollten keine unangenehme Überraschung erleben. Es dämmerte bereits, und Bardo schaute sich immer wieder vorsichtig nach allen Seiten um – außer nach oben. Er war fast beim Vordereingang der Hütte angelangt, der er sich jetzt von der Seite näherte, als er auf der anderen Seite plötzlich einen grellen Blitz sah, im nächsten Augenblick hörte er über sich einen Schmerzensschrei, Zweige und Äste knackten, Laub raschelte und einen Moment später fiel ihm ein menschlicher Körper direkt vor die Füße, den Kopf voran, und blieb reglos liegen. Kraute rannte auf ihn zu, kampfbereit, sah dann jedoch, dass die auf dem Bauch liegende Gestalt sich nicht rührte. Sie stieß kräftig mit dem Fuß gegen den Hintern, um sicher zu gehen, aber es folgte keine Reaktion.

»Lass ihn uns auf den Rücken drehen«, sagte sie, und Bardo drehte den schweren Körper um, wobei der Kopf seltsam hin und her wackelte. Krauta fühlte ihm den Puls, untersuchte ihn kurz und durchwühlte dann seine Taschen.

»Mist!«, schimpfte sie, »der kann uns nichts mehr erzählen, der Idiot hat sich das Genick gebrochen.«

Sie sah Bardo an. »Das war knapp. Vergiss nie wieder, auch nach oben zu schauen, zumindest, wenn Bäume in der Nähe sind. Er hatte den Bogen schon gespannt; ich glaube nicht, dass er dich aus dieser kurzen Entfernung verfehlt hätte. Dann hätte ich ohne Beschützer die Reise antreten müssen.«

Ein bisschen Spott klang da mit; aber auch Besorgnis.

»Hatte er wirklich einen Bogen?« Bardo wollte es noch nicht wahrhaben, dass es fast aus mit ihm gewesen wäre. Er sah sich um; einen Bogen sah er nirgends, doch etwas abseits im Gebüsch lag ein Pfeil.

»Er ist im Baum hängen geblieben«, sagte die Heilerin. Bardo folgte Ihrem Blick nach oben und sah ihn nun auch. Er kletterte hoch, um ihn runterzuholen und musste feststellen, dass es sein eigener Bogen war, der ihn beinahe ins Jenseits befördert hätte. Er beschimpfte sich selber. Das würde ihm nicht noch einmal passieren, dass er seinen Bogen unbewacht zurückließ. Sie gingen schnell ins Haus, dass Schlimmste befürchtend. Doch ganz so schlimm, wie es zunächst aussah, war es dann doch nicht. Es lag zwar alles wild durcheinander, aber direkt zerstört war eigentlich nichts.

»Das kann man alles wieder aufräumen«, meinte Krauta, »aber nicht jetzt. Ich schlage vor, dass wir heute Nacht abwechselnd Wache halten, da wir nicht ausschließen können, dass wir noch mehr Besuch bekommen. Dann sind wir zwar morgen nicht ausgeschlafen, aber ich bin lieber müde und lebendig als ausgeschlafen und tot. Willst du die erste oder die zweite Wache?«

»Die erste, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Gut, ich löse dich dann ab.«

»Wann soll ich dich wecken?«

»Wenn du so müde wirst, dass du Angst hast, einzunicken. Geh am besten hinten raus; wer weiß, ob sich nicht vorne schon wieder jemand herumtreibt. – Und pass auf dich auf.«

Sie sah ihm in die Augen, nahm ihn in die Arme und küsste ihn auf den Mund.

...

Bardo hatte sich einen Platz zwischen den Bäumen ausgesucht, von wo er fast die ganze Lichtung einsehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden, von der Rückseite der Hütte aus gesehen links. Er konnte nur den Teil nicht beobachten, der von der Behausung selber verdeckt wurde. Es wurde rasch dunkel, doch ein kräftig leuchtender weißer Halbmond stieg hinter den Bäumen empor, spendete Licht und lud Bardo zum Träumen ein. Natürlich Tagträume, denn schlafen durfte er ja nicht, während des Wachdienstes. Aber er hatte keine Lust auf Tagträume, sondern dachte lieber noch einmal über die jüngsten Ereignisse nach. Als er vor ein paar Tagen aufbrach, um Hilfe für sein Dorf zu holen für den Kampf gegen die unheimliche Krankheit, hielt er es für einen ganz normalen Botendienst. Dass das Ganze lebensgefährlich werden könnte, auf die Idee war er nicht gekommen. Er hatte bis dahin die Krankheit selber für die größte Bedrohung gehalten, aber das war offensichtlich ein Irrtum. Dass ihn jemand das Lebenslicht ausblasen wollte, konnte er immer noch nicht fassen. Und auch Krauta sollte anscheinend sterben – was für ein schrecklicher Gedanke. Selten hatte er bisher in seinem Leben eine solche Zuneigung zu einer Person verspürt. Obwohl sie ein wenig seltsam war.

Seltsam war auch dieses komische versteckte Dorf, und noch seltsamer waren die Bewohner dort. Siergen und Zwerge, wer hätte das gedacht. Wesen, die in seinem bisherigen Leben keine Rolle gespielt hatten. Es war kaum einmal die Rede von ihnen gewesen in seinem Bekannten- und Familienkreis, und wenn die Alten sie doch mal erwähnten, kamen sie nicht sehr gut weg. Siergen galten als hinterlistig und verschlagen, Zwerge als ungehobelt und versoffen. Daran zweifelte Bardo auch nicht, schließlich hatte er nie etwas anderes gehört. Er verstand nicht, dass Krauta mit diesen Leuten offenbar gut auskam. Vielleicht wusste sie nicht um die negativen Eigenschaften dieser Völker. Aber das konnte man ja ändern. Sie würden die nächsten Tage Zeit genug haben, sich darüber und noch über vieles mehr zu unterhalten.

4

»Wir müssen ein paar Sachen aus dem Keller holen. Kannst du mal mit anfassen?« Obwohl sie die halbe Nacht Wache geschoben hatte, war Krauta erstaunlich munter, im Gegensatz zu Bardo: »Keller?« Die Überraschungen schienen kein Ende zu nehmen.

Gemeinsam wuchteten sie den schweren Tisch beiseite. Die große Falltür darunter war Bardo bisher entgangen. Nachdem Krauta diese geöffnet hatte, sah er, dass eine Leiter nach unten führte, die Krauta nun hinabstieg. Neugierig folgte er ihr. Im schwachen Licht einer Kerze fiel ihm im ersten Moment nur auf, wie vollgestopft der Raum war. Auf den Regalen an zwei Wänden standen Unmengen von Gefäßen aller Formen und Größen. Auf einem Tisch an der Rückwand sah er viele Gerätschaften, deren Nutzen er auf den ersten Blick nicht erraten konnte. Außerdem mehrere Mörser mit Stößel in unterschiedlichen Größen, eine Waage, Näpfe, Töpfe, Schalen, Schüssel, auch Bücher und Schriftrollen. An einer Wand stapelten sich Kisten, und an der Rückwand lag das Kanu. Es war tatsächlich größer als Bardos. Krauta verstaute einige Dinge aus den Regalen in einen großen Lederbeutel.

»Wenn wir das Kanu hier raus haben, können wir ja deins hier unterbringen, damit es nicht gestohlen wird.«

Es war gar nicht so einfach, das große Boot die Leiter hinauf und durch die Falltür zu bekommen, aber mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich. Sie trugen es zum Fluss und stellten fest, dass Bardos Kanu nicht mehr da war. Er ärgerte sich über sich selber, dass er es so arglos zurückgelassen hatte. Es war teuer, ein neues bauen zu lassen, aber er war zu ungeschickt, um selber eins zu bauen. Doch dieses Thema musste er erst mal hinten an stellen. Jetzt war es wichtiger, dass sie schnell aufbrachen, um so bald wie möglich zu dieser Marinda zu gelangen. Zu dumm, dass sie so weit weg wohnte, und auch noch jenseits der Grenze im Königreich Kirlana. Da Bardo Tolerland noch nie verlassen hatte, hatte er natürlich keine Ahnung, was ihn in dort erwartete, und das verunsicherte ihn etwas. Es war einfacher, bekannte Gefilde zu betreten; aber es nützte nichts, jetzt hatte er sich darauf eingelassen, jetzt konnte und wollte er nicht mehr zurück.

...

Während Bardo die Vorräte aus der Hütte holte, blieb Krauta am Fluss, um das Kanu zu bewachen, damit das nicht auch noch gestohlen wurde. Sie verstauten alles in dem Boot und paddelten los.

Obwohl es gegen die Strömung ging, kamen sie recht flott voran, da sie zwei Stechpaddel zu Verfügung hatten und mit vereinten Kräften das Boot nach vorne trieben. Sie redeten kaum. Bardo saß hinten und konnte die ganze Zeit den Blick auf Krauta genießen, die mit anmutigen Bewegungen das Paddel unermüdlich ins Wasser tauchte. Trotz ihres eher schlanken Körpers wirkte sie dabei durchaus kräftig, fast wie eine Kriegerin. Die Lederrüstung verstärkte diesen Eindruck, aber Bardo wusste ja, dass sie keine Kriegerin war, sondern eine Heilerin und Kräuterkundige. Wusste er das wirklich? Immerhin hatte sie gestern durchaus Kämpferqualitäten bewiesen. Zwei Männer waren durch ihre Hand gestorben. Aber wie hatte sie sie bezwungen? Beim ersten war er nicht dabei gewesen, und wie sie den zweiten erledigt hatte, war ihm nicht so richtig klar. Er hatte einen grellweißen Blitz gesehen, das war alles. War sie eine Zauberin? Bei der ersten Rast würde er sie fragen; auch all die anderen Dinge, die noch zu klären waren.

Er bedauerte es ein wenig, dass die Sonne direkt von vorne schien und ihn blendete, was der Sicht auf Krautas Körper etwas den Genussfaktor nahm. Doch das würde sich im Laufe des Tages geben. Mit der Zeit fiel ihm auf, dass sie unablässig mit den Augen die beiden Flussufer absuchte, was ihn daran erinnerte, dass sie möglicherweise noch immer in Gefahr waren. Solange sie nicht wussten, wer es auf sie abgesehen hatte und warum, konnten sie nicht vorsichtig genug sein.

»Das Beobachten können wir uns aber auch teilen«, schlug er vor, und von da an suchten er das rechte und sie das linke Flussufer ab. Bis mittags gab es jedoch keine Auffälligkeiten. Sie steuerten das Kanu ans Ufer und gönnten sich eine Pause, die sie nutzen, um gepökeltes Schweinefleisch und Wasser zu sich zu nehmen.

»Ich habe eine ganze Menge Fragen an dich«, begann er, nachdem sie sich satt gegessen hatten.

»Nur zu«, ermunterte sie ihn.

– hier geht's weiter ... –

Kriegerin